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Experten-Interview

Auswirkungen des Generationenwandels auf die Arbeitswelt

Auswirkungen des Generationenwandels auf die Arbeitswelt

Einer Allianz-Studie zufolge gehen in diesem Jahr in der EU erstmals mehr Menschen in Rente, als junge Menschen in den Arbeitsmarkt nachrücken. Steffen Laick, Leiter Recruitment bei Ernst & Young, sagt im Experteninterview mit der Jobbörse ABSOLVENTA, was das für die Einstiegschancen für Hochschulabsolventen bedeutet, und welche Auswirkungen der Generationenwandel auf die Arbeitswelt und die Arbeitsbedingungen im Allgemeinen mit sich bringt.

Herr Laick, in der EU gehen in diesem Jahr mehr Menschen in Rente, als neu in den Arbeitsmarkt hineinkommen. Wie ist die Situation in Deutschland?

In Deutschland wurde auf das Abitur nach 12 Schuljahren umgestellt, dazu wurde im Rahmen der Bologna-Reform der Bachelor- und Masterstudiengang eingeführt. Dadurch kommen in den nächsten Jahren so viele Absolventen wie noch nie auf den Markt. Demografische Effekte schlagen daher erst ab 2017 oder 2019 zu. Dann werden die Berufseinsteiger weniger.

Steigen somit automatisch die Einstiegschancen der nachrückenden Generation oder ist der Zusammenhang doch nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint?

Es ist durch die Wirtschaftskrise schwer zu sagen, ob Absolventen es in den nächsten Jahren leichter haben werden. Die Nachfrage ist nicht abzusehen.

Sind bestimmte Branchen vom Generationswandel besonders betroffen? In welchen Bereichen wird geschulter Nachwuchs fehlen?

In einigen Branchen wie Ingenieurswesen oder IT ist die Jobsituation jetzt schon knapp, hochqualifiziertes Personal wird gesucht. Ein Studium in diesen Fächern ist fast eine Jobgarantie. Auch die „Bindestrich-Studiengänge“ wie Wirtschafts-Informatik, Wirtschafts-Mathematik und Wirtschafts-Ingenieurwesen werden gesucht. Der Engpass an Wirtschaftswissenschaftlern kommt jedoch erst ab 2017 auf uns zu. Dann steigt die Wahrscheinlichkeit auf einen guten Job, durch die demografischen Effekte. Bei Geisteswissenschaftlern ist das schwieriger – auch in Zukunft. Allerdings ist es sinnlos, etwas zu studieren, zu dem man weder Lust noch besondere Fähigkeiten hat, nur weil die Berufsaussichten in diesem Feld besonders gut sind.

Inwiefern ändert sich die Arbeitsmarksituation infolge der demographischen Entwicklung ab 2017?

Der „US-Typ“ ist auch für den deutschen Markt denkbar. Ich mutmaße, dass es in Zukunft nicht primär darauf ankommt, was, sondern dass man studiert hat. Dadurch beweist ein Absolvent, dass er analytische Fähigkeiten besitzt und Probleme lösen kann. Dazu könnte die fachliche Durchlässigkeit steigen. Es ist denkbar, dass beispielsweise ein Historiker bei einer Versicherung arbeitet.

Brauchen wir in Deutschland aufgrund des demographischen Wandels zukünftig vermehrte Zuwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte aus dem Ausland?

Deutschland wird auf der einen Seite zukünftig mehr High Potentials aus dem Ausland brauchen und muss Strukturen schaffen, dass auf der anderen Seite deutsche Top-Leute nicht ihrerseits ins Ausland gehen. Erfindergeist und Innovation sind Deutschlands höchstes Gut.

Was bedeutet das konkret für Wirtschaft, Wissenschaft und Politik?

Wissenschaft, Wirtschaft und Politik müssen sich enger verzahnen. Das machen sie schon in einigen Bereichen, das muss allerdings noch weiter vertieft werden. Gerade die Wissenschaft muss verstehen lernen, was die Wirtschaft braucht. Die Wirtschaft muss aber umgekehrt auch schauen, was die Wissenschaft will. Beide Bereiche können voneinander lernen.

Und welche Aufgabe kommt dabei der Politik zu?

Es gibt keinen Königsweg, aber Bildungsinvestitionen lohnen sich langfristig auf jeden Fall. Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen: mit Investitionsbereitschaft für alle Bildungsbereiche, von Schulen bis Universitäten. Lehrer und Professoren müssen besser geschult beziehungsweise ausgebildet und auch bezahlt werden, um die besten Dozenten, auch aus der Wirtschaft, zu gewinnen. Dazu sollte den Professoren und Studenten auch die nötige Zeit zum Reflektieren des Gelernten gelassen werden. Wenn sie nur auswendig lernen und alles dann anschließend wieder vergessen, hilft das niemandem. Klassenverbände in Schulen müssen verkleinert, die Ausstattung verbessert werden. Ich meine damit Laptops, Beamer, Hochgeschwindigkeits-Internet und sehr gut ausgestattete Hörsäle und Klassenräume.

Wie reagieren die Arbeitgeber auf den sich abzeichnenden Generationenwandel? Ist er bereits in den Köpfen der Personalverantwortlichen angekommen?

Ja, viele Unternehmen reagieren bereits auf den Generationswandel. Sie professionalisieren ihr Employer Branding, Personal-Marketing und Recruiting. Vor einigen Jahren hatte kaum ein Unternehmen eine eigene Marketing-Abteilung – heute fast alle. Unternehmen setzen vermehrt auf Recruiter. Sie haben gemerkt, dass es nicht mehr ausreicht, einfach eine Angel auszuwerfen und zu warten, bis ein idealer Kandidat anbeißt. Bildlich gesprochen nehmen sie eine Harpune in die Hand und gehen auf aktive Suche nach Mitarbeitern. Dazu bieten sie vermehrt individuelle und flexible Arbeitslösungen an, beispielsweise mit Teilzeitmodellen oder Kinderbetreuung im Hort, während die Eltern arbeiten.

Wie unterscheiden sich die Generationen Y (Jahrgang 1981 bis 2002), X (1968 bis 1980) und die Baby Boomers (1946 bis 1967)?

Die Generationen sind verschieden. Trotzdem haben alle einen sicheren Job als höchste Priorität. Man sollte aufpassen, dass man nicht zu stark verallgemeinert. Schwerpunkte gibt es dennoch. Die Baby Boomers sind eher antiautoritär und teamorientiert. Für sie steht die Arbeit im Lebensmittelpunkt. Statussymbole sind ihnen wichtig und sie legen Wert auf Pflichtbewusstsein, Disziplin und Sicherheitsdenken.

Und wie sieht es mit den Generationen X und Y aus?

Bei der Generation X, geboren von 1968 bis 1980, tritt die Work-Life-Balance in den Vordergrund: Arbeiten muss auch Spaß machen. Sie arbeiten zwar hart und erfolgreich, ihr Privatleben muss jedoch gewährleistet bleiben. Die Generation Y, geboren von 1981 bis 2002, verschiebt ihre Priorität eher in die soziale Richtung. Geld steht für sie nicht im Mittelpunkt. Corporate Social Responsibility und Social Networks werden hingegen wichtiger, das Arbeiten mit neuer Technologie ebenso. Wie in der Generation X kommt zuerst das Leben und dann die Arbeit. Die Y-Generation ist dazu besonders offen. Das sieht man an den Informationen, die sie, beispielsweise in sozialen Netzwerken, von sich preisgeben. Für sie muss Teamarbeit und Leistung zusammenpassen, Karriere und Familie vereinbar sein. Sie sind dazu sehr web- und IT-affin.

In vielen Unternehmen arbeiten mehrere Generationen zusammen. Was ergibt sich daraus?

Durch eine generationsübergreifende Belegschaft entstehen Diversity, Gleichstellungsabteilungen und Beauftragte für die Zusammenarbeit von Generationen. Unternehmen veranstalten spezielle Workshops, um die Zusammenarbeit zu verbessern. Die verschiedenen Generationen müssen lernen, ihre unterschiedlichen Arbeitsauffassungen zu akzeptieren. Ein Baby Boomer sitzt beispielsweise bis nachts im Büro. Ein Kollege aus der Generation Y nimmt sich mittags eine Stunde Zeit, um zu joggen und arbeitet nach Feierabend von zu Hause weiter. Unterm Strich muss dabei natürlich die Arbeitsleistung stimmen.

Sie sprachen an, dass die heranwachsende Generation sehr internet- und computeraffin ist und mit Social Networks aufwächst. Welche Chancen und Risiken bringt dies mit sich?

Nutzer sollten immer darauf aufpassen, nur das ins Netz zu stellen, was alle erfahren dürfen und sollen, denn die Informationen bleiben im Netz und gelangen auch zu Arbeitskollegen oder Geschäftspartnern.

Worauf sollte man noch achten?

Die Etikette muss auch im Netz gewahrt werden. Auch wenn man in Chats, Mails und SMS nicht mehr auf Groß- und Kleinschreibung achtet und häufig Abkürzungen verwendet, sollte man das bei Anfragen und Bewerbungen an Unternehmen nicht machen und die klassischen Regeln in Hinblick auf Rechtschreibung und Grammatik zwingend einhalten.

Was ist bei Online-Bewerbungen sonst wichtig?

Ein Bewerber sollte auf keinen Fall standardisierte Anschreiben verschicken. Auch der Lebenslauf kann auf die Stellenangebote ausgerichtet sein.

Zu guter Letzt: Haben Sie Tipps für die heutige Studenten- und Absolventen-Generation, um einen erfolgreichen Berufseinstieg hinzulegen?

Ein akademischer Abschluss ist immer noch die beste Voraussetzung für den Berufsstart. Man muss jedoch immer daran denken, dass das erst der Anfang ist und darf sich nicht darauf ausruhen. Man befindet sich in einem ständigen Wettbewerb mit anderen Absolventen und muss sich weiterbilden. Netzwerken ist auch sehr wichtig, denn gute Kontakte können immer sehr wertvoll sein.

Und wie verhält sich ein Absolvent in einem Vorstellungsgespräch?

Er muss gründlich sich auf das Vorstellungsgespräch vorbereiten. Auf den Unternehmenshomepages finden sich in aller Regel genügend Informationen. Dazu muss ein Absolvent sich selbst kennenlernen, um auf Fragen á la „Was sind ihre Stärken und Schwächen“ aus dem Effeff schnell und gut antworten zu können. Das gilt für berufserfahrene Arbeitnehmer natürlich genauso.

Lesetipp: Experteninterview mit dem Göttinger Professor Klaus Nathusius:
"Ich rate Absolventen zum Berufseinstieg im Mittelstand"

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