So schützt du dich vor Mobbing am Arbeitsplatz.

So schützt du dich vor Mobbing am Arbeitsplatz.

Mobbing am Arbeitsplatz betrifft 2017 rund 1,8 Millionen Arbeitnehmende in Deutschland. Auch Berufseinsteigende als neue Mitarbeitende sind davor nicht geschützt. Doch wie definiert man Mobbing auf der Arbeit und was kannst du tun, wenn du selbst davon betroffen bist?

  1. Definition: Das ist Mobbing.

    Dein_e Kolleg_in hat dir zum wiederholten Mal aus Versehen eine E-Mail nicht weitergeleitet und deine Führungskraft kritisiert vor der Kundschaft deine Arbeitsweise. In beiden Fällen fühlst du dich ungerecht behandelt. Langsam fragst du dich, ob dir dein Kollegium vorsätzlich Informationen vorenthält. Und hat deine Führungskraft nicht erst letztens in großer Runde die Präsentation zerlegt, die du angefertigt hast?

    Ob es sich bei den genannten Situationen um Einzelfälle handelt oder diese gehäuft auftreten, ist entscheidend für die Definition von Mobbing am Arbeitsplatz. Im Gegensatz zu offensichtlichem Mobbing, zum Beispiel in der Schule, wenn Schüler_innen von mehreren Klassenkamerad_innen schikaniert werden, oder beim Cybermobbing, bei dem eine Person online in sozialen Netzwerken beschimpft oder bedroht wird, ist Schikane am Arbeitsplatz sehr viel schwerer kenntlich zu machen und nachzuweisen.

    Wie also definiert man Mobbing am Arbeitsplatz?

    Die juristische Definition ist folgende: „Der Begriff Mobbing erfasst im arbeitsrechtlichen Verständnis fortgesetzte, aufeinander aufbauende oder ineinander übergreifende, der Anfeindung, Schikane oder Diskriminierung dienende Verhaltensweisen, die nach ihrer Art und ihrem Ablauf im Regelfall einer übergeordneten, von der Rechtsordnung nicht gedeckten Zielsetzung förderlich sind und jedenfalls in ihrer Gesamtheit das allgemeine Persönlichkeitsrecht oder andere ebenso geschützte Rechte, wie Gesundheit und Ehre, verletzen.“

    Verständlicher ist eine Definition zu Mobbing im Beruf, die vor allem in der Beratung angewandt wird: „Unter Mobbing werden (negative) kommunikative Handlungen am Arbeitsplatz verstanden, die von Kolleg_innen oder Führungskräften ausgeübt werden, gegen eine Person gerichtet sind und systematisch und zielgerichtet über einen längeren Zeitraum als ein halbes Jahr, ein- bis mehrmals wöchentlich vorkommen. Ziel ist die Ausgrenzung vom Arbeitsplatz. Dabei sind Betroffene die Personen, über die tiefer liegende betriebliche Probleme ausgetragen werden.“

    Es geht also darum, dass Mitarbeitende gezielt und über einen längeren Zeitraum bei der Ausübung seiner Arbeit behindert wird. Die Behinderung der beruflichen Tätigkeit kann sich dabei in verschiedenen Formen äußern.

  2. Formen: Diese Arten von Mobbing gibt es.

    Gemobbt werden kann auf viele Arten und Weisen. Am Arbeitsplatz ist dabei die häufigste Version das bewusste Vorenthalten von Informationen. Bei einer Umfrage gaben 67 Prozent der befragten Teilnehmenden an, dass sie diese Art des Schadens schon einmal erlebt hätten. Indem E-Mails nicht weitergeleitet oder Meetings nicht an alle kommuniziert werden, können die Betroffenen ihre Tätigkeit nicht zur vollsten Zufriedenheit erfüllen und stehen so vor den anderen oder ihrem Arbeitgeber in einem schlechten Licht dar. Auch Mitarbeitende vor anderen schlechtzumachen oder gezielt Lügen über jemanden zu verbreiten, sind Arten des Mobbings. Oftmals reichen schon kleine Randbemerkungen wie „Frau Kohl macht ihre Arbeit nie hundertprozentig“, um einen schlechten Eindruck zu generieren. Welche anderen Formen im Arbeitsumfeld auftreten, zeigt dir die nachfolgende Tabelle: 

    ARTEN DES MOBBINGS ANTEIL DER PERSÖNLICHEN ERFAHRUNG
    Vorenthalten von Informationen 67 %
    Schlechtmachen vor Anderen 62 % 
    Verbreiten von Lügen 56 %
    „Ins Messer laufen lassen“ 53 % 
    Nicht beachtet werden 44 % 
    Fehlinformationen erhalten 42 % 

    Quelle: statista.de (2017): https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1834/umfrage/persoenlich-erlebtes-mobbing/

    Mobbing zeichnet sich dabei immer durch eine tägliche oder wöchentliche Schikane aus. Sei es das absichtliche Streuen von Gerüchten und üble Nachrede bis hin zur Rufschädigung von Mitarbeitenden. Auch eine Arbeitsüber- oder Arbeitsunterforderung sowie Arbeitsentzug oder ständige negative Kritik können bei Regelmäßigkeit eine Form des Mobbings am Arbeitsplatz sein.

    Daneben werden zwei weitere Arten des Mobbings im Arbeitskontext differenziert:

    • Das Mobbing durch Führungskräfte wird als Bossing bezeichnet. Dieses kann sich durch direkte Machtausübung der Vorgesetzten zeigen, indem Mitarbeitende bewusst kleingehalten und ausgegrenzt werden. Das kann räumlich erfolgen, indem Mitarbeitende alleine in einen Raum oder weitab des Teams versetzt werden. Auch die Erteilung eines Redeverbots den Kolleg_innen gegenüber sowie die Androhung beziehungsweise Durchführung arbeitsrechtlicher Sanktionen können – solange sie unbegründet sind – Formen des Bossings sein.
    • Staffing drückt hingegen die umgekehrte Form aus. Das heißt, wenn sich ein oder mehrere Mitarbeitende zusammentun, um ihrer Führungskraft bewusst zu schaden.

  3. Entstehung von Mobbing am Arbeitsplatz: Interview mit Monika Hirsch-Sprätz.

    Um zu verstehen, wie Mobbing am Arbeitsplatz entsteht und wie es dazu kommt, haben wir mit Frau Monika Hirsch-Sprätz gesprochen. Sie ist Leiterin der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg und hat täglich in ihrer Arbeit mit Mobbing-Opfern im beruflichen Umfeld zu tun.

    Guten Tag Frau Hirsch-Sprätz, wie entsteht Mobbing?

    Mobbing entsteht meist schleichend. Kränkungen, Verletzungen, Konkurrenzen, Neid und Ängste auf der Arbeits- und Beziehungsebene werden nicht angesprochen, hinterfragt oder sind noch nicht bewusst. Was für den einen lustig ist, ist für den anderen unter Umständen verletzend. Es gibt Menschen, die erkennen, wenn sie ein Gegenüber verletzt haben und sind zukünftig vorsichtiger mit dem was und wie sie etwas äußern, tun oder fragen auch mal nach, was da gerade angekommen ist.

    Aber einen Kollegen mal nett aufziehen, ist ja noch kein Mobbing. Wann wird aus Ärgern oder Necken wirklich bewusstes Mobbing?

    Manche Menschen merken lange nicht, was sie tun, da ihre Laune, Machtposition oder ihre Persönlichkeitsstruktur dazu führt, dass sie willkürlich, unsensibel oder qua Funktionsebene so auf ihre Umwelt reagieren. Andere wiederum, die aus persönlichen Gründen ihr Gegenüber ärgern, verletzen oder ausgrenzen wollen, sehen wie dieses Verhalten ankommt und werden, um ihr persönliches Ziel zu erreichen, dies dann gezielt öfter tun, wenn sie damit einen persönlichen Nutzen verbinden. Sie haben die Schwachstelle beim Anderen erkannt. Ein solch bewusstes, gezieltes und andauerndes Vorgehen verändert das Necken/Ärgern dann in ein systematisches Verhalten und wird so zum Mobbing. Der alltägliche Psychoterror beginnt.

    Wenn meine Führungskraft meine Arbeit kritisiert, ist es auch schnell gesagt, dass man gemobbt wird, weil man es subjektiv so empfindet…  

    Meinungsverschiedenheiten, Spannungen im Kollegium oder Arbeitsstress, sogar schlechter Führungsstil von Führungskräften muss noch kein Mobbing beziehungsweise Bossing sein. Jeder Mensch bringt seine Familien- und Sozialisationserfahrung, seine Persönlichkeitsstruktur oder Tagesverfassung mit und damit seine Erfahrungen, wie er Konflikte und deren (Nicht-)Lösung in der Vergangenheit und den Umgang damit erlebt hat. Wenn verschiedene Welten, Kulturen, Hierarchieebenen, Persönlichkeitsmerkmale oder Arbeitsgewohnheiten aufeinandertreffen und keine Zeit bleibt oder sich genommen wird, sich die dahinterliegenden Bedürfnisse der Konfliktbeteiligten zu betrachten, dann bleibt der Konflikt auf der Ebene der unterschiedlichen Positionen stehen oder kann eskalieren – ohne Rücksicht auf oder Verständnis für das Gegenüber. 

    Das hört sich an, als würden bestimmte Menschen eher dazu neigen, andere zu mobben?

    Menschen, die mobben, haben häufig Minderwertigkeitsgefühle, sind neidisch und hassen oder sind gekränkte Menschen, die über Rache agieren. Auch Personen mit starken (Sehn-)Suchtproblemen, Egomanen und Narzisst_innen – häufig kombiniert – und diejenigen, die starke Existenz-, Konkurrenz- und Karriereverlustängste haben, sind häufig unter den Mobbenden zu finden. Auch (negative) Macht-Menschen, Menschen in Unter- oder Überforderungssituationen und unqualifizierte Führungskräfte mobben.

    Gibt es dagegen auch typische Mobbing-Opfer?

    Meiner Erfahrung und Kenntnis nach nicht. Mobbing kann jeden treffen. Es gibt also keine speziellen Typen von Opfer.

  4. Diese Folgen hat Mobbing für Betroffene.

    Mobbing kann also jeden treffen – ebenso zeigen sich die Auswirkungen für jedes Opfer unterschiedlich. Die Folgen können in psychische, physische, finanzielle, arbeitstechnische und gesellschaftliche unterteilt werden. Zu den psychischen Schäden zählen: 

    • Nervosität und Weinkrämpfe
    • Konzentrationsschwierigkeiten
    • Schlafstörungen und Alpträume
    • Angststörungen, Panikattacken und Atemnot
    • Erschöpfungszustände und Burnout
    • Posttraumatisches Belastungssyndrom (PTSD)
    • Depressionen, Persönlichkeitsveränderungen und Apathie sowie
    • Suizidversuche und Suizidausführung

    Daneben kann sich die belastende Situation auf Arbeit auch konkret in physischen Schmerzen und Problemen äußern. Betroffene klagen zum Beispiel über:  

    • Kopfschmerzen und Migräne
    • Essstörungen und Verdauungsprobleme
    • Magenschleimhautentzündungen und Magengeschwüre
    • Herz-Kreislaufprobleme und Bluthochdruck
    • Undefinierbare Symptomschmerzen
    • Suchtverhalten (Medikamente und Alkohol)

    In schlimmen Fällen hat Mobbing außerdem finanzielle Resultate. Teilweise müssen die Betroffenen die Kosten für Beratung, Rechtsbeistände sowie Krankengeldkosten tragen. Auf der Arbeitsebene ergeben sich häufig lange krankheitsbedingte Fehlzeiten, Stigmatisierungen, Diskriminierungen, Versetzungen und Umsetzungen. Erhalten Mobbing-Opfer keine umfassende Betreuung oder Therapie, können sich die psychischen Probleme so manifestieren, dass eine berufliche Tätigkeit nur noch schwer ausgeübt werden kann. Folgen sind dann eine Arbeitslosigkeit oder eine Berufsunfähigkeit. Daraus kann eine gesellschaftliche Ausgrenzung durch den Verlust des Arbeitsplatzes, der gesellschaftlichen Anerkennung oder den sozialen Kontakten entstehen.

  5. Hilfe beim Mobbing am Arbeitsplatz.

    Ist man erstmal Opfer eines Mobbenden, ist es schwer, sich aus der Situation zu befreien. Viele Unternehmen und Arbeitgeber fürchten zusätzlich eine offene Auseinandersetzung mit dem Thema. Für Betroffene ist es deswegen schwer, das Thema bei  Vorgesetzten direkt anzusprechen, denn für die Mobbenden ist es leicht, alles abzustreiten. Gerade wenn Mobbende die Führungskraft sind, ist es für Betroffene noch schwieriger, dem direkten Angriff angemessen entgegenzusteuern.

    Ist die Belastung zu groß, kann eine Strafanzeige gegen die Mobbenden erfolgen und Schadenersatz gefordert werden. Das Opfer kann sich hierbei auf das Arbeitsrecht bzw. das Arbeitsschutzgesetz berufen. Durch das gesetzliche Urteil sollte rechtlich die Diffamierung des Opfers unterlassen werden. Sind Mobbende ein Kollege oder eine Kollegin kann der Arbeitgeber auch eine Abmahnung erlassen. Hierfür muss das Thema jedoch offen bei den Vorgesetzten angesprochen werden.

    Die meisten Mobbingopfer im Arbeitsumfeld reichen ihre Kündigung ein, um durch den Wechsel des Arbeitgebers bzw. Unternehmens die Situation zu umgehen. Für die Zukunft in einem neuen Unternehmen oder Betrieb ist diese Konfliktvermeidung jedoch nicht immer hilfreich. Die Ursachen wurden nicht geklärt und die Gefahr besteht, dass das eigene Selbstwertgefühl zu sehr darunter leidet. Die Kündigung wird dann nicht mehr als Schuld eines anderen, sondern als persönliches Versagen empfunden.

    Wir haben noch einmal Frau Monika Hirsch-Sprätz gefragt, welche Tipps sie im Umgang mit Mobbing am Arbeitsplatz hat. 

    Frau Hirsch-Sprätz, wenn ich das Gefühl habe, ich werde auf Arbeit von einem Kollegen oder einer Kollegin gemobbt, was kann ich tun?

    Es ist sinnvoll mit Freund_innen, Partner_innen oder Kolleg_innen zu sprechen und sich mehrere Meinungen und Informationen einzuholen. Ich rate außerdem dazu, die Vorfälle und den Verlauf in einem Mobbing-Tagebuch aufzuschreiben, sowie die psychischen und physischen Folgen von einem Arzt dokumentieren zu lassen. Mobbende Arbeitgeber können von Arbeitnehmenden auch ermahnt und abgemahnt werden. Dazu ist es gut, wenn Betroffene zeitnah spezielle Beratungsstellen aufsuchen.

    Und was kann man tun, wenn man von Vorgesetzten gemobbt wird?

    Zunächst muss man die Kontrolle über sich bewahren und nicht aus der Haut fahren. Dazu sollte man zuhören, aber nicht bis zum bitteren Ende eine diskriminierende Gesprächssituation abwarten. Besonders wichtig ist es, klar, mutig und couragiert ein oder mehrere „STOPs“ zu setzen, Distanz zu halten und selbstbewusst aufzutreten. Auch das Dazuholen von Zeug_innen und der Gang zum Personal- oder Betriebsrat kann helfen.

    Es kann auch der Fall sein, dass man nicht selbst gemobbt wird, aber andere Mitarbeitende. Wie sollte man sich verhalten, wenn Kolleg_innen das Ziel einer Mobbing-Attacke werden?  

    Zuerst sollte man hinsehen und nicht weggehen. Man sollte sich neben die angegriffene Person stellen und immer erst fragen, ob man unterstützen und vermitteln kann, auch wenn unterschiedliche Hierarchieebenen betroffen sind. Des Weiteren kann man mit dafür sorgen, dass Konfliktparteien miteinander im Gespräch bleiben oder je nach Situation überlegen, wie sachlich verbal diskutiert werden kann. Es kann auch helfen, wenn man andere Personen anspricht und in die Konfliktsituation einbezieht, um den Konflikt auf eine breitere Ebene zu stellen und vorsichtig Öffentlichkeit für den Angegriffenen schafft. Es ist eine gute Idee, die betroffene Person zu fragen, was ihr helfen könnte und ihr bei der Suche nach internen oder externen Ansprechpartner_innen Hilfe anzubieten.

    Gerade für Berufseinsteigende, die noch wenig Erfahrung in der Arbeitswelt haben, ist es interessant zu wissen: Wie kann/sollte man sich als Berufseinsteiger_in in einer neuen Firma oder bei einem Wechsel in eine neue Abteilung verhalten, damit man nicht zu einem Mobbing-Opfer wird?

    Man sollte nicht gleich mit 180 Prozent Einsatz einsteigen, sondern sich Zeit lassen und sich umschauen, was die Regeln, Arbeitsweisen und zwischenmenschlichen Gepflogenheiten vor Ort sind. Dazu kann man nach der Arbeitsplatzhistorie fragen, zum Beispiel was mit Vorgänger_innen war. Es ist auch grundsätzlich vorteilhaft, sich über die Anfänge von Mobbing in Büchern und im Internet zu informieren. Es ist außerdem nützlich, auf das Miteinander im Kollegium zu achten, wie auch auf die Unternehmenskultur und das Betriebsklima überhaupt, auch zwischen den Führungskräften.

  6. Fazit.

    Das Thema Mobbing sollte in Unternehmen und Betrieben zu einer offenen Kommunikation gehören, sodass sich Mitarbeitende bei Belästigung an Ansprechpartner_innen, zum Beispiel den Betriebsrat, wenden können. Arbeitgeber sollten sich zudem in der Fürsorgepflicht sehen, Maßnahmen zur Prävention einzuführen. Sobald du das Gefühl hast, von übler Nachrede betroffen zu sein, solltest du dich frühestmöglich über Möglichkeiten informieren und Beratung in Anspruch zu nehmen.