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Zwischenbilanz

Zehn Jahre Bachelor und Master

Zehn Jahre Bachelor und Master

Über zehn Jahre ist es nun her, seit sich unter die Diplom- und Magisterstudenten erstmals Studenten der sogenannten neuen Studiengänge mischten. Die Erwartungen, die an die Bachelor- und Masterstudiengänge geknüpft wurden, waren gelinde gesagt „anspruchsvoll“. Um nur einige wenige, der hochgestochenen Ziele der Bologna-Reform zu nennen: ein einheitlicher europäischer Hochschulraum mit vergleichbaren Bewertungsstandards, eine deutlich kürzere Studienzeit und eine größere Mobilität. Anlässlich des Jubiläums zieht die Jobbörse ABSOLVENTA eine erste Zwischenbilanz.

Im internationalen Vergleich sicherten sich Diplom- und Magisterabschlüsse zwar einen fachlich guten Ruf, doch waren deutsche Absolventen deutlich älter und weniger flexibel als der europäische Durchschnitt. Vor allem die sogenannten „Langzeitstudenten“ schienen der Politik ein steter Dorn im Auge zu sein – gehörten sie doch längst dem Hochschulalltag an. Doch zehn Jahre nach der Umstellung des deutschen Hochschulsystems gibt es unübersehbaren Verbesserungsbedarf.

Ein erster Blick auf den Status quo: Niemand scheint mit dem Resultat von Bologna vollkommen zufrieden zu sein. Die Dozenten müssen ihre Lehre und das Bewertungssystem neu organisieren. Die Studenten klagen, sie müssen in weniger Zeit das gleiche Pensum absolvieren wie ihre Vorgänger. Und obwohl die Wirtschaft früher lauthals über zu alte Absolventen geklagt hatte, stehen nun viele Arbeitgeber einem Berufsstart nach nur sechs Semestern kritisch gegenüber.

Studienqualität und Zufriedenheit

Laut einer Bachelorbefragung an der Freien Universität zu Berlin befürworten 74 Prozent der Studierenden den Bachelorstudiengang. Das sind knapp 10 Prozent mehr als bei der ersten Erhebung im Jahr 2006. Eine Konstanzer Studie zeigt sogar, dass sich Bachelor-Studierende fachlich gut bis sehr gut gefördert fühlen. Dennoch wünschen sich die Studenten, dass die Studieninhalte weniger auf Faktenwissen ausgerichtet werden und mehr Raum für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung lassen. Insbesondere bei der individuellen Betreuung der Studierenden besteht Nachholbedarf, denn für ein studentenorientiertes Lernen fehlen vielen Hochschulen die (finanziellen) Mittel.

Gerade die Studenten der neuen Studiengänge müssen sich gut organisieren und Praxiserfahrung sammeln, um nach dem Abschluss Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Eben jene Praxisnähe vermissen Viele in ihrem Studium. Für Praktika steht oftmals nur die vorlesungsfreie Zeit zur Verfügung, doch diese wird vor allem für die anstehenden Hausarbeiten und Prüfungen benötigt.

Studium eine Lehr- und Lernzeit

Viele Bachelor- und Master-Studenten kritisieren neben der großen Stoffmenge die zunehmende Verschulung des Studiums sowie den starken Zeit- und Prüfungsdruck. Bisher erhobene Studien bestätigen diese Kritik jedoch nicht: Laut einer Befragung an der Universität Kiel von 2010 investiert nur ein Drittel der Bachelorstudenten in der Vorlesungszeit mehr als 40 Stunden pro Woche ins Studium. Eine Studie des Deutschen Studentenwerkes von 2009 zeigt, dass der Arbeitsaufwand von Bachelorstudenten mit 37 Wochenstunden sogar geringer ausfällt als bei Diplomanden (40 Wochenstunden).

Doch Erfahrungsberichte über zu hohen Leistungsdruck, zu eng getaktete Prüfungszeiten und ständigen Notendruck sind nicht von der Hand zu weisen. De facto wurde der theoretische Stoff eines Diploms in den kürzeren B.A. gequetscht, ohne die Studiengänge an die neuen Anforderungen anzupassen. Zum Dauerstress tragen auch Prüfungen bei, deren Ergebnisse vom ersten Semester an in die Endnote einfließen. Die Folge: Die Studenten befinden sich von Beginn an im Punktefieber – für eine individuelle Persönlichkeitsfindung bleibt beim Turbostudium kaum Zeit.

(Keine) Zeit für Auslandssemester

Von wegen größere Mobilität! Entgegen der Erwartung bleiben Bachelor-Studenten überwiegend an ihrer Heimatuni anstatt ein Auslandssemester wahrzunehmen. Nur 25 Prozent aller deutschen Bachelor- und Masterstudenten absolvieren einen studienbezogenen Auslandsaufenthalt. Während stark strukturierte Studienpläne Bachelor-Studenten nur wenig Zeit für ein Auslandssemester lassen, zieht es Masterstudenten häufiger ins Ausland – und zwar insbesondere nach Österreich, den Niederlanden und Großbritannien.

Viele Bachelor-Studenten schrecken der große organisatorische Aufwand, Schwierigkeiten bei der Finanzierung und Anerkennungsprobleme von einem Auslandssemester ab. Zusätzlich befürchtet die Studentenschaft, dass ein Auslandsaufenthalt nicht mit ihren Leistungsanforderungen im Studium vereinbar sei.

Diese Entwicklung ist jammerschade, denn gerade ein Auslandssemester stellt eine einmalige Gelegenheit dar, unvergessliche Erfahrungen für das weitere Leben zu sammeln. Eine Zeit lang in einem anderen Land zu leben, ist nicht nur für die persönliche Entwicklung wertvoll. Auch immer mehr Unternehmen wissen die Auslandserfahrung ihrer Arbeitnehmer zu schätzen. Im Berufsalltag erweisen sich die hierbei erworbenen Soft Skills mitunter als weitaus wertvoller als ein lediglich um 0,3 Prozentpunkte besserer Notendurchschnitt.

Turbostudium und Studienabbrecher

Die neuen Studiengänge ermöglichen den Studierenden ein Schnellstudium – zumindest diese Erwartung hat sich bewahrheitet. Schon nach drei Jahren erhalten die Bachelor-Studenten ihr Zeugnis, das sie für die Berufswelt qualifiziert. Das Statistische Bundesamt zeigt: Vor elf Jahren legten Studenten noch nach 12,7 Semestern ihr Diplom ab. Dagegen erreichen Bachelorstudenten ihren Abschluss bereits nach 6,4 Semestern und den Masterabschluss nach 10,5 Semestern.

Mehr als die Hälfte aller Bachelor-Studierenden schließt das Studium in der vorgesehenen Zeit ab. Das gelang im Durchschnitt nur einem Drittel der Magister- und Diplom-Studenten. Obwohl die Anzahl der Studienabbrecher zunehmend sinkt, brechen immer noch rund 35 Prozent der Bachelor-Studenten ihr Studium vorzeitig ab. Diese hohe Ausfallquote betrifft insbesondere die sogenannten MINT-Fächer wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, die sich bessere Beratungsangebote, mehr Tutorien und eine engere Betreuung durch Dozenten wünschen.

Schmalspulstudium oder Karriereoption

Während viele Arbeitgeber die jungen Absolventen anfangs äußerst skeptisch beäugten, ist die Akzeptanz der Wirtschaft zunehmend gestiegen. Immerhin mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen stellten nach einer Umfrage vom Institut für Mittelstandforschung in Bonn in den letzten drei Jahren Akademiker aus den Bachelor-Studiengängen ein.

Die Vorbehalte der Wirtschaft verblassen insbesondere im praktischen Umgang mit den Jungakademikern. Doch rund 55 Prozent aller Bachelor-Studenten fühlen sich schlecht auf den Beruf vorbereitet und schließen ein Ergänzungsstudium an, wie eine Studie des HIS-Instituts für Hochschulforschung zeigt.

Summa summarum: Es hinkt noch hier und da

Die Bologna-Reform hat das Hochschulsystem grundlegend umgekrempelt – und das leider nicht nur zum Guten.

  • Die Bachelor- und Masterstudiengänge sind modularisiert und geben die Jagd auf die sogenannten „Credit Points“ frei.
  • Die Lehrpläne sind nicht nur straff organisiert, sondern auch stark verschult und prüfungslastig.
  • Das einstmals intensive Selbststudium ist längst dem bloßen Lernen für anstehende Prüfungen gewichen.
  • Die festen Strukturen schränken das eigenständige Lernen und die Persönlichkeitsbildung ein.
  • Viele Studienanfänger fühlen sich von dem hohen Zeitdruck und der großen Stoffmenge überfordert.

Doch wollen wir auch manch gutes Haar am Bologna-Prozess lassen:

  • Die international anerkannten Studienabschlüsse erleichtern den Hochschulwechsel im In- und Ausland.
  • Im Idealfall ermöglicht die Straffung der Lehrpläne den Absolventen bereits nach sechs Semestern den Abschluss und damit einen frühen Start in die Arbeitswelt.

Insgesamt lässt der große Wurf (noch) auf sich warten. Vor allem die Studentenproteste von 2009 haben die Notwendigkeit von Nachbesserungen in den neuen Studiengängen gezeigt. Nachholbedarf besteht bei der Schaffung ausreichender Studienplätze, der Entlastung der Stundenpläne, der Kontrolle der Prüfungsanforderungen und einer leichteren Anerkennung der Leistungen.

Die Jobbörse ABSOLVENTA wünscht allen Studierenden viel Erfolg!

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