Auf dem Prüfstand: Vier Vorurteile über Wirtschaftsprüfer

Auf dem Prüfstand: Vier Vorurteile über Wirtschaftsprüfer

Wirtschaftsprüfer arbeiten mindestens 25 Stunden am Tag, erledigen die immer gleichen langweiligen Tätigkeiten, sind kalte Zahlenmenschen, und die Karriere ist von Anfang bis Ende vordefiniert. So oder so ähnlich spricht die Öffentlichkeit von der Arbeit in einer Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft. Doch was ist dran an diesen Vorurteilen? Das Team der Jobbörse ABSOLVENTA ist in Zusammenarbeit mit Personalern verschiedener Unternehmen den Mythen auf den Grund gegangen. Einiges hat selbst uns überrascht.

1. Vorurteil über Wirtschaftsprüfer: Die Work-Life-Balance kommt viel zu kurz

Wer in der Wirtschaftsprüfung arbeitet, will die Karriereleiter aufsteigen. Ein klassischer 9-to-5 Arbeitstag ist da nicht unbedingt vorgesehen. Nur mit viel Einsatz und der Bereitschaft, mehr zu arbeiten als unbedingt notwendig, lassen sich die vielen Aufträge erledigen. Das ist nicht immer und überall so, aber kommt regelmäßig vor. Vor allem zu den Stoßzeiten der Wirtschaftsprüfung, wenn z. B. die Jahresabschlüsse fällig werden, ist die Arbeitsbelastung hoch. In diesen Phasen kann es sich kaum ein Unternehmen leisten, die Wünsche und zeitlichen Vorgaben der Mandanten zu ignorieren. Es stimmt also, wer erfolgreich in der Wirtschaftsprüfung sein will, muss zu bestimmten Zeiten Opfer bringen. Allerdings bemühen sich die meisten Gesellschaften um einen fairen Ausgleich. Überstunden werden auf ein sogenanntes Zeitkonto eingezahlt und bei Gelegenheit eingelöst. Und zwischen einzelnen Projekten besteht vor allem in den vergleichsweise ruhigen Sommermonaten die Möglichkeit, einen Gang runterzuschalten. Über das gesamte Jahr hinweg gleicht sich die Arbeitsbelastung also häufig aus. Dass die Work-Life-Balance als Wirtschaftsprüfer stets zu kurz kommt, ist demnach also so nicht richtig. Zu den Arbeitsspitzen ist dies sicherlich richtig, aber übers Jahr betrachtet kommen auch die Mitarbeiter von Wirtschaftsprüfungen zu wohlverdienten Ruhepausen.

2. Vorurteil über Wirtschaftsprüfer: Alles kalte Zahlenmenschen

Wirtschaftsprüfern wird nachgesagt, dass sie sich lediglich für nackte Zahlen interessieren und deshalb über eine geringe Soziale Kompetenz verfügen. Eisiger Winter in der Wirtschaftsprüfung? Eines dürfte klar sein, ohne eine Affinität zu Zahlen geht es in dem Job nicht. Buchhaltung und Bilanzierung ist und bleibt das Kerngeschäft der Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaften. Daher machen vor allem Personen in dieser Branche Karriere, die Spaß an der Arbeit mit Zahlen hat. Daraus aber auf eine kalte Persönlichkeit zu schließen, wäre schlichtweg falsch. Ein reiner „Zahlen-Klempner“ kann allein deshalb kein guter Wirtschaftsprüfer sein, weil der ständige Mandantenkontakt maßgebliches Kriterium für den Erfolg eines Unternehmens ist. Die Mandanten geben einen tiefen Einblick in ihre Geschäftsbücher, eine Angelegenheit, die nicht einmal die besten Freunde kennen. Daher muss ein Wirtschaftsprüfer sensibel vorgehen. Es ist mitunter schwer, auf etwaige Fehler in der Buchhaltung hinzuweisen. Den richtigen Ton zu treffen bedarf eines hohen emotionalen Quotienten. Die Mandanten erwarten eine umfassende Betreuung – wer den Kunden einfach einen Jahresabschluss auf den Schreibtisch klatscht, hat nur wenig Aussicht auf den Auftrag im nächsten Jahr.

Auch Wirtschaftsprüfer benötigten soziale Kompetenz und Teamgeist

Des Weiteren arbeiten Wirtschaftsprüfer in Teams. Es besteht ein hoher Kommunikationsbedarf, damit die Arbeit koordiniert und effizient angegangen werden kann. Notorische Einsiedler haben deshalb geringe Chancen, bei einer Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft voran zu kommen.

Das menschliche Miteinander ist auch im Wirtschaftprüfer-Berufszweig ein wichtiger Faktor. Doch wie sieht es mit der Abwechslung aus? Ist die Arbeit als Wirtschaftsprüfer etwa nichts anderes als eine stupide Kostenprüfung oder ist sie vielleicht abwechslungsreicher, als gemeinhin gedacht?

3. Vorurteil über Wirtschaftsprüfer: Wenig Abwechslung

Abwechslung und Wirtschaftsprüfung – zwei entgegengesetzte Pole?

Wirtschaftsprüfung ist kein Web-Design. Designer müssen vor allem kreativ sein, während Wirtschaftsprüfer sorgfältig mit Zahlen hantieren. Ja und nein. Die Berufsgruppen sind sich ähnlicher, als man auf den ersten Blick denkt. Auch ein Designer muss seine Entwürfe planen, umsetzen und an die Bedürfnisse seines Kunden anpassen. Er kann nicht einfach drauf los kreieren. Und ein Wirtschaftsprüfer macht mehr, als ausschließlich Konten zu kontrollieren und Zahlenwüsten zu durchforsten. Er interagiert direkt mit den Mandanten, arbeitet gemeinschaftlich in einem Team und wird bei den drögen Aufgaben durch technische Dienste unterstützt. Sich wiederholende Routineaufgaben wechseln sich mit interessanten Tätigkeiten ab. Die Arbeitsvielfalt ist also auch in der Wirtschaftsprüfung gegeben. Wäre dem nicht so, könnten Maschinen die Arbeit übernehmen - und dies ist keineswegs der Fall!

Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaften suchen weiterhin nach top-qualifizierten Absolventen. Wenn die Arbeit extrem langweilig wäre und ausschließlich aus monotonen Arbeitsschritten bestünde, würde sich wohl kaum jemand für diesen Job begeistern können. Der rege Zulauf an Absolventen sprechen jedoch eine andere Sprache.

Der Mythos der mangelhaften Abwechslung eines Wirtschaftsprüfers ist also genau so falsch wie die Mythen des kalten Zahlenmenschen und der fehlenden Work-Life-Balance. Ein weiteres Vorurteil besagt, dass das die Karriere eines Wirtschaftsprüfers stark eingeschränkt ist. Stimmt das so?

4. Vorurteil über Wirtschaftsprüfer: Starre Karriere

Ein weiteres Vorurteil, welches immer wieder durch die Hörsäle der Universitäten geistert, ist das der starren Karriere von Wirtschaftsprüfern. Wir haben mit Personalverantwortlichen renommierter Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaften gesprochen und sie mit dieser Aussage konfrontiert. Hier unser Ergebnis.

Wirtschaftsprüfung ist keine Sackgasse im Berufsleben

Ein Job bei einer Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft fängt weder mit einem Schreibtisch in einem dunklen Büro an, noch endet er so. Die starre Karriere ist nämlich gar nicht so starr, wie dies allgemeinhin behauptet wird. Auf Grund der breiten Ausbildung verfügen Wirtschaftsprüfer über ein umfassendes Fachwissen und sind Experten auf vielen Gebieten in der Finanzdienstleistung. Ein breit gefächertes Wissen ist ein gutes Argument für eine erfolgreiche Karriere auch in anderen Bereichen. Wirtschaftsprüfer lernen zudem die unterschiedlichsten Menschen in den unterschiedlichsten Branchen kennen. Automobilhersteller, Chemiekonzerne, Dienstleistungsgewerbe – sie alle sind Mandanten von Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaften. Wer sich in so vielen Branchen auskennt, hat kaum Probleme, in seiner Karriere voranzukommen. Viele wechseln von den Gesellschaften zu den ehemaligen Mandanten und unterstützen diese bei ihrer internen Prüfung oder arbeiten im General Management. Wirtschaftsprüfer sind in allen Wirtschaftsunternehmen begehrt, weshalb der Job durchaus als Karriere-Turbo angesehen werden kann. Wohin die berufliche Reise geht, ist also keineswegs vorgegeben. Ein Job als Wirtschaftsprüfer bildet vielmehr die Basis für viele verschiedene Karrierewege.

Fazit

Wir konnten keine der vier Wirtschatfsprüfungs-Vorurteile bestätigen. Es gibt mit Sicherheit Unterschiede zwischen den einzelnen Wirtschaftprüfungs-Gesellschaften, ab und zu trifft durchaus mal ein Vorurteil zu – auf diese Weise entstehen Vorurteile schließlich auch. So kann das Privatleben durchaus beim Saisongeschäft zu kurz kommen oder die anfallende Arbeit zu den Stoßzeiten repetitiv sein, im Allgemeinen gleicht sich dies im Laufe eines Jahres jedoch aus. Daher sollte sich jeder ein eigenes Bild von der Arbeit als Wirtschaftsprüfer machen und seine Karriere-Optionen ausloten. Praktika oder Werkstudententätigkeiten bieten dazu eine ausgezeichnete Gelegenheit. Und ein Vorurteil stimmt dann doch: Das Gehalt als Wirtschaftsprüfer ist oft überdurchschnittlich gut.

>> Hier findest du Stellenangebote für angehende Wirtschaftsprüfer

Über den Autor

Lukas große Klönne
Lukas große Klönne

Ehem. Redaktionsleiter der Jobbörse ABSOLVENTA und Autor des Buches "Trainee-Knigge" – der Ratgeber für Berufseinsteiger.

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