Tag der Praktikanten: Klischee vom Kaffee kochen ist Geschichte

Tag der Praktikanten: Klischee vom Kaffee kochen ist Geschichte

„Ich will mehr!“ – So lautete das Motto zum ersten bundesweiten Tag der Praktikanten. Am Freitag, den 26. Oktober 2012 trafen Vertreter aus Wirtschaft und Politik mit Praktikanten zusammen, um gemeinsam die Perspektiven zur Förderung fairer Praktika zu diskutieren. Dabei zeigte sich: Die Unternehmen setzen sich zunehmend für junge Nachwuchskräfte ein. Es liegt aber auch an den jungen Berufseinsteigern, ihre Motivation zu äußern und Chancen zu ergreifen.

 

„Nicht das Foto oder die Eliteuni, sondern Praktika machen den Lebenslauf der Kandidaten einzigartig.“ Mit diesem Plädoyer für die Bedeutung karrierefördernder Praktika begrüßte Dr. Christian Wein von der Axel Springer AG die Teilnehmer zum ersten Tag der Praktikanten. Seine Forderung: Unternehmen müssen das Versprechen Praktikum einhalten. Schließlich würden die Arbeitgeber am meisten davon profitieren, wenn junge Berufseinsteiger in ihren Praktika wirklich praxisrelevante Erfahrungen sammeln und ihre Potentiale kennenlernen, anstatt nur Hilfsarbeit zu verrichten.
 

Matthias Ernst, Geschäftsführer der ABSOLVENTA GmbH unterstrich in seiner Eröffnungsrede die Bedeutung qualitativ hochwertiger Praktika zur Gewinnung junger Talente. So sei es das Ziel vieler Unternehmen, Nachwuchskräfte so früh wir möglich zu binden. Jedoch seien langfristige Praktika aufgrund straffer Lehrpläne eher eine Seltenheit. Um diese strukturelle Herausforderung zu überwinden, stelle zum Beispiel die Zeit zwischen Bachelor und Master eine vielversprechende Chance dar. Ernst lud die Teilnehmer der Veranstaltung dazu ein, gemeinsam über derartige Perspektiven zu diskutieren und somit konstruktive Ansätze für die Gestaltung karrierefördernder Praktika zu schaffen.

 

Praktikantenspiegel zeigt: Vergütung für Praktikanten zweitrangig
 

Ludwig Preller, Geschäftsführer und Senior Partner der CLEVIS GmbH nutzte den Tag der Praktikanten, um die aktuellen Ergebnisse der Langzeitstudie „Praktikantenspiegel 2012“ vorzustellen. Jedes Jahr bewerten die Praktikanten ihre Arbeitgeber und tragen so einen entscheidenden Teil dazu bei, anderen Berufseinsteigern die Suche nach dem passenden Arbeitgeber zu erleichtern. Doch auch die Unternehmen können die Ergebnisse der Studie nutzen, um ihre Praktikantenprogramme entsprechend der Vorstellungen junger Nachwuchskräfte zu gestalten.
 

Am besten bewerten die Praktikanten die Unternehmen aus der Pharmazie- und Einzelhandelsbranche. Am schlechtesten schneiden Medien- und Dienstleistungsunternehmen ab. Im Vergleich der einzelnen Branchen zeigen sich vor allem signifikante Unterschiede hinsichtlich der Vergütung. Doch das ist nicht das Hauptkriterium, wonach Praktikanten ihren Praktikumsplatz auswählen und beurteilen. So zeigen die Studienergebnisse, dass der Aufgabenvielfalt sowie einem guten Team eine größere Bedeutung zugesprochen wird als dem Praktikantengehalt.

 

Junge Generation erkennt zunehmend Potential von Praktika
 

Diese Ergebnisse beweisen, dass bei den jungen Berufseinsteigern das Bewusstsein für den hohen Nutzen eines Praktikums wächst. Zwar sollten Praktika angemessen vergütet werden, jedoch vor allem Orientierung bieten und den Praktikanten dabei unterstützen, sein eigenes Potential zu entfalten. So stellt auch Denise Tippkötter, eine der insgesamt drei ausgezeichneten „Praktikanten des Jahres 2012“ fest, dass es ihr nur möglich war, diese Auszeichnung zu erhalten, weil das Praktikumsunternehmen sie „gefordert und gefördert“ habe. Gleichzeitig hat Denise etwas getan, wozu vielen Praktikanten oft der Mut fehlt: Sie hat ihren Lernwillen sowie ihre Motivation offen kommuniziert und Chancen eingefordert. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man eine genaue Vorstellung davon hat, was man im Praktikum erreichen und lernen möchte.
 

Und genau an diesem Punkt müssen Politik und Wirtschaft ansetzen, um die jungen Berufseinsteiger zu unterstützen. Da sind sich zumindest die Teilnehmer der Podiumsdiskussion beim Tag der Praktikanten einig. So müsse man so früh wie möglich mit der Aufklärungsarbeit beginnen und den Schülern bzw. Abiturienten noch vor dem Studium die Gelegenheit dazu bieten, einen „Beruf aus Berufung“ zu wählen.

 

Spannende Ansätze konkretisieren Umdenken der Unternehmen
 

Reimund Overhage, Referatsleiter HR-Strategien beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales spricht in diesem Zusammenhang von einer Schwellenangst, unter der vorrangig Schüler leiden würden. Ein einfaches Schülerpraktikum von zwei Wochen reiche somit nicht aus, den Schülern die Angst vor dem Eintritt in die Berufswelt zu nehmen. Gerade in so einem jungen Alter brauche man „jemanden, der einen an die Hand nimmt“. Sein Vorschlag: Längere Praktika zwischen Schule und Universität. Somit könne man sich innerhalb von sechs bzw. zwölf Monaten orientieren und herausfinden, welche Studienrichtung eingeschlagen werden soll. Das wiederum würde die Zahl der Studienabbrecher senken und spätere Praktika könnten fokussierter angegangen werden, so der Experte.
 

Im Rahmen der Podiumsdiskussion beim Tag der Praktikanten wird das aktuelle Problem wie folgt zusammengefasst: „Wir haben ein angelsächsisches Bildungssystem und einen deutschen Arbeitsmarkt.“ Natürlich gibt es da jede Menge Baustellen, an denen man ansetzen kann und muss. Schließlich kämpfen die Arbeitgeber um die besten Nachwuchskräfte. Sie sind somit in der Pflicht, diesen auch etwas zu bieten. Dass seitens der Unternehmen ein Umdenken stattfindet, ist deutlich spürbar. Es gibt „best practice“ Beispiele, die zeigen, wie man Nachwuchskräfte gewinnen und halten kann. So berichtet Sehnaz Özden, Head of Corporate Employer Branding & Recruiting bei der Continental AG, dass rund 50 Prozent der Einstellungen über den Pool aus dem konzerneigenen Bindungsprogramm erfolgen. „Man muss den Praktikanten natürlich Perspektiven bieten – auch über den aktuellen Einsatzbereich hinaus“, so die Expertin. Dazu gehöre auch, mit der Aufklärungsarbeit so früh wie möglich zu beginnen, an die Universitäten zu gehen und potentiellen Kandidaten zu zeigen, dass nicht nur ihr Können sondern auch ihre Interessen im Unternehmen willkommen seien. Continental lässt die Studenten zu diesem Zweck Autos bauen und engagiert Hochschulbotschafter, die zeigen, welche Möglichkeiten der Konzern seinen Einsteigern bietet.
 

Mit Bindungsprogrammen & Co. gehen viele Konzerne bereits mit gutem Beispiel voran. Ein derartiger Wettbewerb um die „Besten“ bringt jedoch kleine und mittelständische Unternehmen in eine Abseitsposition. Dabei bieten sich für Praktikanten gerade hier spannende Einsatzfelder mit viel Verantwortungsfreiraum. Ziel sollte es somit sein, vor allem in Regionen mit einer starken Abwanderungsquote, den Diskurs an den Universitäten anzuregen und die Arbeitgebermarke zu positionieren. Schließlich ist nicht für jeden Uni-Absolventen ein Konzern in der Großstadt die erste Wahl.

 

„Praktikanten zu wertvoll fürs Kaffee kochen“

"Die Welt wird verändert durch Träume." – Diese Aussage von Verleger Axel Springer schmückt den Veranstaltungsort des Tages der Praktikanten, das Axel Springer Hochhaus in Berlin. Und sie wird zum gemeinsamen Credo, mit dem die Teilnehmer der Veranstaltung auseinander gehen.
 

So sollten nicht nur junge Berufseinsteiger für ihre Visionen kämpfen, sondern auch von den Unternehmen die Möglichkeit dazu bekommen, sie umzusetzen. Dass nicht nur der Wille da ist, sondern auch konkrete Taten folgen, haben die Teilnehmer beim ersten Tag der Praktikanten bewiesen. Wir blicken zurück auf eine spannende und inspirierende Veranstaltung und überlassen das Schlusswort Sehnaz Özden, die treffend zusammenfasst: „Das Klischee vom Kaffee kochen ist Geschichte. Die Unternehmen haben erkannt, dass Praktikanten zu wertvoll sind, um sie für solche Hilfsarbeiten zu verschwenden.“

 

Hier gibts die >> Highlights vom Tag der Praktikanten in Bildern

 

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Über den Autor

Luise Köhler
Luise Köhler

Als ehem. ABSOLVENTA-Redakteurin hat Luise über die Bedürfnisse, Interessen und Fragen junger Berufseinsteiger recherchiert, geschrieben und erklärt.

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