Mit dem Demokratischen Stipendium in die Türkei: ein Erfahrungsbericht.

Mit dem Demokratischen Stipendium in die Türkei: ein Erfahrungsbericht.
Stipendiat Johan Lucas (28), der beim 1. Demokratischen Stipendium eine Finanzspritze vom ABSOLVENTA e.V. erhalten hat, berichtet auf amüsante Weise von seiner Zeit als Austauschstudent in der Türkei. Verwendet hat er das Geld für die anfallenden Studiengebühren und das Studentenvisum.
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  1. Bewerbung zum Demokratischen Stipendium.

    Nachdem ich meine Bewerbung in Form eines Hip-Hop-Songs eingereicht und schließlich das Demokratische Stipendium erhalten habe, machte ich mich zum Wintersemester 2009/2010 zu meinem Aufenthalt in Eskisehir/Türkei auf. Diese Zeit habe ich in sehr schön in Erinnerung. Nachdem ich zunächst zwei Wochen Urlaub in Istanbul machte, fuhr ich mit dem Bus gen Eskisehir. Die Strecke beträgt ca. 400 Kilometer und es dauerte knapp sechs Stunden, bis wir Eskisehir erreicht haben. Schließlich aber, nach einer interessanten, kleinen Reise in einem Bus, der zwar keine Toilette, dafür aber einen DVD-Player an Bord hatte, kam ich am frühen Morgen in Eskisehir an.

    Mein Mitbewohner, der mir über das Erasmus-Programm vermittelt wurde, wartete bereits auf mich und begrüßte mich herzlich. Ugur (gesprochen: Uhr) ist ein angenehmer Typ mit einer rosa gestrichenen Wohnung und gebrochenem Englisch, aber dem stetigen Willen, mit diesem recht begrenzten Wortschatz jede Lebenslage zu beschreiben. Wir haben uns bestens verstanden. Mein Zimmer war spartanisch eingerichtet und lag direkt neben dem Minarett, wodurch mir der Imam dann auch von Tag zu Tag vertrauter wurde - eben genau wie ich’s mag.

  2. Wie ein aufgeregter Sultan die anatolische Schlange bezwungen.

    Bereits nach drei Tagen in Eskisehir fühlte ich mich Türkisch. Ich bildete mir ein, wie das osmanische Blut durch meinen Körper jagt, mit dem eisernen Willen, mich den Umständen anzupassen, mich aus meinem europäischen Trott rauszuholen und mit voller Inbrunst und schnippsenderweise zu fremdartigen Trommeln wie ein aufgeregter Sultan vor der Haremssichtung zu Tanzen.

    Es machte mir in den darauf folgenden Wochen riesigen Spaß, Türke zu sein. Ob es nun allein auf der Straße war (weil zu schmale Fußwege und Bäume inmitten des Weges), oder in der Straßenbahn im direkten Kontakt mit meinen neuen Landsleuten (weil immer überfüllt) oder im Computerraum der Universität, wo ich angeregt mit den Putzkräften zu diskutieren versuchte, ob es nicht ausreiche, den Raum zu reinigen, nachdem wir Studenten darin gearbeitet haben, anstatt alle halbe Stunde hereinzukommen.

    Ich stellte mich ganz den neuen Herausforderungen, da ich Situationen ausgesetzt war, die einen starken Geduldsfaden dringend voraussetzten. So übte ich mich zum Beispiel in Geduld, wenn ich eine Schwarz/Weiß-Kopie benötigte und mich mal wieder dem Kopierer (in diesem Fall ein lebendes Modell mit schönem Schnurbart und äußerst genauem Auge) stellen musste, was sich dann schon mal um zwanzig Minuten handeln konnte, da ich a) die anatolische Schlange zu bezwingen hatte und b) der scharfen, genauesten Genauigkeit des Kopierers wegen.

    Mein Empfinden der Kurse reicht von einer Spanne zwischen ganz bescheuert bis hin zu super stark. So studierte ich Animation sowie Linol-Druckverfahren, was mir beides riesigen Spaß machte. Den Packaging-Kurs dagegen fand ich total bescheuert, wobei ich, selbst nachdem ich von ihrer Ideenvielfalt eher weniger begeistert war, mit der Dozentin recht gut auskam.

    Ich habe auch einen Onlinekurs für Türkisch gemacht, den ich allerdings nicht zu Ende bringen konnte. Die Professoren und Dozenten sprechen auch alle gut Englisch und sind mir freundlich und hilfsbereit begegnet.

  3. Studieren mit Japanischem Garten, Flugplatz und gutem Essen.

    Die Größe des Campus kann ich schwer in Worte fassen, da mir keine Flächenangabe bekannt ist, und ich mich nur ungern zu bloßen Spekulationen verleiten lasse. Somit sage ich hier nur, dass es ein ganz schön großer Campus ist, inklusive Japanischem Garten, vielen Wasseranlagen, stets geschnittenen Hecken, schnellen Autos und viel Bewachung. Dazu gibt es noch eine Kantine, eine große Mensa, einen Supermarkt, einen Flugplatz und drei Restaurants auf dem Gelände. Und das alles zu sehr guten Preisen, was genau heißt: Beinahe alles kostet die Hälfte in Relation zu Deutschland, bis auf Schokolade, die ist etwas teurer.
    Das Essen als „fantastisch“ zu beschrieben wäre eine unerhörte Untertreibung. Es ist vielmehr…eben nicht zu beschreiben gut. Und dieses Essen gibt es obendrein noch so günstig, dass einem schon ab und an der Appetit vergeht, wenn man an unsere deutschen Preise denkt. Nebenbei bemerkt, habe ich in meiner Zeit dort vier Kilos abgenommen.

    Das liegt allerdings nicht an dem Essen, sondern vielmehr an meinem ständigen Drang, mit meinen türkischen Kommilitonen auf dem Basketballplatz Körbe zu schmeißen. Sport eignet sich wunderbar, um neue Kontakte zu knüpfen. In meiner Freizeit bin ich auch gern in die Stadt gegangen bzw. gefahren. Es gibt in Eskisehir eine Straßenbahn mit der man so gut wie überall hingelangt. Außerdem gibt es auch noch die Dolmuse (gesprochen: Dolmusche), die eine Art Sammeltaxen sind und eine gute, zweite Möglichkeit bieten, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen. Die Bahnfahrt gibt’s für umgerechnet 75 Cent, der Dolmus kostet 50 Cent.

  4. Löwenmilch mit Hippies und Dozenten.

    In der Stadt saß ich oft in Pubs und habe bei einer schönen Tasse türkischem Kaffee relaxt und den Tag Revue passieren lassen. Abends gab’s dann auch mal Raki - aber damit sollte man keine Faxen machen. Das Getränk wird von den Türken „Löwenmilch“ genannt und hat beinahe fünfzig Umdrehungen, so dass sich schon so manch Einer nackt, desorientiert und frierend, nach erster Bekanntschaft mit der Großkatze, in irgendeiner verlassenen Gegend mit Kopfweh wiederfand.

    Wenn man schöne Dinge macht, ist auch die Umgebung schön - soviel zum Stadtbild.
    Ich habe tolle Freunde gewonnen, mit denen ich mir weiterhin schreibe und die auch beabsichtige zu besuchen. Überhaupt sind die türkischen Studenten sehr aufgeschlossen gegenüber Ausländern. Die meiste Zeit habe ich mit Hippies und Dozenten verbracht. Ich muss dazu auch mal anmerken, dass ich nicht im gängigen Erasmus-Alter sondern schon ein paar Jährchen älter bin. Die meiste Zeit habe ich tatsächlich damit verbracht zu Studieren, was wohl nicht unbedingt die Regel ist. Es gibt ein riesiges Angebot vom International Office für spannende Reisen in der Türkei, zum Beispiel nach Olympos oder Troja.

    Für alle Interessierten, die mal in Asien studieren wollen und eine liebevolle, warmherzige, wenn auch mal befremdende Kultur kennenlernen möchten, empfehle ich in die Türkei zu gehen. Ihr erhaltet alle wichtigen Informationen bezüglich Bewerbungsverfahren, Gasthochschule und Beachtenswertes im Akademischen Auslandsamt.

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