Der Bachelor-Abschluss: Internationales Vorbildmodell oder Totalausfall?

Der Bachelor-Abschluss: Internationales Vorbildmodell oder Totalausfall?

Rund zehn Jahre ist es her, dass im italienischen Bologna 29 europäische Bildungsminister die gleichnamige Erklärung zur Hochschulreform unterzeichneten. Neben der besseren Vergleichbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit europäischer Studienabschlüsse, war die stärkere Praxisorientierung der akademischen Ausbildung ein zentrales Ziel der Bologna-Erklärung. Mittlerweile sind fast alle deutschen Studiengänge auf Bachelor- und Masterabschlüsse umgestellt. Trotzdem ist die Bologna-Reform ein ständiges Diskussionsthema. Jetzt zum zehnjährigen Jubiläum zeichnen verschiedene Studien ein sehr kontroverses Bild über den Erfolg der Reform und der Akzeptanz von Bachelor-Abschlüssen am Arbeitsmarkt.

Expertise des GEW eine Negativbilanz

Kürzlich wurde die Expertise der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zum Thema Bachelor-/Masterabschlüsse veröffentlicht. Diese trug Daten verschiedener Institutionen, z.B. der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS), des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, des DAAD oder des Instituts der Deutschen Wirtschaft, zusammen und wertete diese aus. Im Ergebnis wird der Bologna-Reform der Erfolg abgesprochen und die Berufstauglichkeit der Bachelor-Abschlüsse, vor allem der Universitäten, in Frage gestellt. Ein wenig besser stehen laut GEW die Fachhochschulen da, da diese traditionell eine stärkere Praxisausbildung in ihre Studiengänge integrieren. Die Zahlen lassen vermuten, dass es viele Bachelor-Absolventen vorziehen, zunächst noch den Master anzuschließen, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Hinzu kommt, dass laut der GEW-Expertise vor allem kleinere Unternehmen den neuen Abschlüssen skeptisch gegenüberstehen. Großkonzerne begrüßen hingegen die kürzere Studiendauer. Ein weiteres Problem stellen zu wenige, an die neuen Abschlüsse angepasste, Einstiegspositionen dar. Auch das geringere Gehalt von Bachelor-Absolventen im Vergleich zu den Absolventen traditioneller Studienabschlüsse wird negativ bewertet.

Positivbilanz des Bundesministeriums

Ganz anders werden die Berufschancen für Bachelor- und Masterabsolventen hingegen in einer Studie eingestuft, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegeben wurde. Darin wird der Erfolg von Bachelor-Absolventen am Arbeitsmarkt als nahezu gleichwertig zu den früheren Abschlüssen dargestellt. In der Regel brauchen die Bachelor-Absolventen drei Monate bis zu einer Anstellung und die Arbeitslosenquote liegt bei nur drei Prozent, was der allgemeinen Arbeitslosenquote unter Hochschulabsolventen entspricht. Allerdings wird, ähnlich der GEW-Expertise, festgestellt, dass sich viele Bachelorstudenten später auch für ein Masterstudium entschieden. Ist also alles nur eine Frage der Auslegung der Ergebnisse?

Gehaltsunterschiede differenziert betrachten

Bei der Bewertung der Gehaltsunterschiede von Bachelor-Absolventen und Absolventen traditioneller Abschlüsse muss ein entscheidender Faktor berücksichtigt werden: Während die Regelstudienzeit bis zum Diplom oder Magister bisher neun Semester betrug, sind es beim Bachelor nur noch sechs oder sieben. Das bedeutet, dass Bachelor-Absolventen viel früher die Universität verlassen und in den Arbeitsprozess eintreten - und somit auch schon eher Geld verdienen. Dies muss also bei der Beurteilung der Einstiegsgehälter berücksichtigt werden. Wenn der Diplomand die Universität verlässt, hat der Bachelor im Idealfall bereits eineinhalb Jahre gearbeitet und Geld verdient, statt selbst Geld für das Studium ausgegeben zu haben. Eine Gehaltsanalyse muss also das Lebenszeiteinkommen berücksichtigen, um eine konkrete Aussage über den Effekt von Gehaltsunterschieden beim Berufseinstieg treffen zu können.

Beurteilung der Akzeptanz von Bachelor-Abschlüssen schwierig

Die genannten Probleme sind nur eine kleine Auswahl der Kritikpunkte an der Bologna-Reform. Dabei stellt sich allerdings die Frage, ob wirklich alle negativen Ergebnisse der Expertise so ohne Weiteres hingenommen werden können. Ein wichtiger Aspekt, der die schlechten Resultate relativiert, ist der Zeitfaktor. Seit der Unterzeichnung der Bologna-Erklärung sind erst zehn Jahre vergangen. Bis die ersten deutschen Hochschulen damit begannen, die Reform umzusetzen, vergingen jedoch noch einmal mehrere Jahre. Viele Universitäten begannen erst ab 2002 mit der Einführung von Bachelor/Masterabschlüssen in einzelnen Fachbereichen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die ersten Bachelor-Absolventen frühestens 2005 in den Arbeitsmarkt eintraten. Diese bisher relativ geringen Absolventenzahlen lassen Zweifel daran aufkommen, ob die Akzeptanz der Bachelor-Abschlüsse am Arbeitsmarkt schon heute nachhaltig und vor allem zuverlässig beurteilt werden kann. Da Bachelor- und Masterabschlüsse in absehbarer Zeit die dominierenden Abschlüsse sein werden, ist zu vermuten, dass auf dem Arbeitsmarkt entsprechenden Anpassungen erfolgen werden.

Des Weiteren ist nicht sichergestellt, dass die jetzt attestierten Probleme tatsächlich ausschließlich auf die Bologna-Reform zurückzuführen sind. Der Grund für die Bachelor/Master-Umstellung waren bereits vorhandene systemimmanente Probleme der europäischen Hochschulen. Die Bologna-Reform hat also teilweise bereits existierende Probleme stärker zutage treten lassen.

Die Bologna-Reform hat großes Potential

Eine Studie des Washingtoner Institute for Higher Education Policy aus den USA zur europäischen Hochschulreform wird hingegen bisher kaum wahrgenommen. In ihr attestiert Clifford Adelman, der bereits für das U.S.-Bildungsministerium tätig war, der Bologna-Reform das Potential zum internationalen Vorbildmodell. Das Hochschulsystem in den USA ist inhaltlich gesehen ähnlich heterogen, wie es das europäische System bis zur Bologna-Reform war. Die Vereinheitlichung fachlicher Studieninhalte und -abschlüsse könnte also für Europa der Schlüssel zu erstklassiger internationaler Wettbewerbsfähigkeit sein und Europa einen bildungspolitischen Vorteil gegenüber den USA verschaffen. Allerdings müssten dazu laut Adelman die Beratungs- und Betreuungsangebote für Studenten noch weiter verbessert werden und das Studium stärker die außeruniversitären Bedürfnisse der Studenten berücksichtigen.

Fazit

Der Streit um die Bologna-Reform scheint mittlerweile eine gewisse Tradition entwickelt zu haben. Dabei gerät das, was eigentlich im Fokus stehen sollte, immer mehr in den Hintergrund: Die berufsqualifizierende Bildung der Nachwuchskräfte, die in Anbetracht demografischer Entwicklungen absolute Priorität haben sollte. Anstatt das Potential der Bologna-Reform voll auszuschöpfen, wird über Erfolg oder Nichterfolg der Reform gestritten. Die europaweite Vereinheitlichung des Hochschulstudiums ist ein weiterhin andauernder Prozess. Seine Laufzeit wurde im April 2009 von den Bildungsministern der Mitgliedsstaaten bis 2020 verlängert. Sicherlich sind noch viele Probleme bei der Umstellung auf Bachelor-/Masterabschlüsse zu bewältigen, von einer Generalschelte der Reform sollte man jedoch trotzdem absehen. Nicht alle Schwierigkeiten sind allein in der Bologna-Reform begründet. Im Übrigen wird es noch Zeit brauchen, bis empirisch zuverlässige Ergebnisse der Hochschulreform vorliegen. Die Absolventen der neuen Studiengänge können also durchaus einer besseren Zukunft entgegensehen.

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