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Pro Anonymisierte Bewerbung – Das Pilotprojekt des ADS

Pro Anonymisierte Bewerbung – Das Pilotprojekt des ADS

Anonyme Bewerbungen sind ein zurzeit viel diskutiertes Thema. Ende 2010 wurde das Pilotprojekt „Anonymisierte Bewerbung“ von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) gestartet. Im Rahmen des Pilotprojektes sollen innerhalb eines Jahres rund 225 Arbeits-, Ausbildungs- und auch Studienplätze vergeben werden. Die Behörde hat dafür rund 30 Firmen angeschrieben, jedoch haben sich nur fünf Unternehmen für das Projekt bereit erklärt. Das ist die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, der Geschenkdienstleister MyDays, der Konsumgüterkonzern Procter & Gamble und L’oréal.  Dazu kommen drei öffentliche Arbeitgeber: das Bundesfamilienministerium, die Bundesagentur für Arbeit in Nordrhein-Westfalen und die Stadtverwaltung Celle. Doch warum war die Resonanz so niedrig? Anonyme Bewerbungen bergen nämlich nicht nur für Bewerber, sondern auch für die Unternehmen viele Vorteile.

Anonyme Bewerbung heißt Chancengleichheit

Laut der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) sollen Bewerber keine Nachteile in Hinblick auf Namen, Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung mehr haben. Stattdessen sollen ausschließlich Qualifikation und Motivation der Bewerber über Erfolg oder Misserfolg einer Bewerbung entscheiden. Insbesondere Frauen (wegen Befürchtungen eines Ausfalls durch Schwangerschaften oder wegen einer zeitintensiven Kinderbetreuung), ältere Bewerber und Ausländer erfahren Diskriminierung bei der Jobsuche. Mit dem Projektprojekt soll ihnen Chancengleichheit im Bewerbungsprozess gewährt werden.

Seit der Einführung des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes (AGG) im Jahr 2006 ist die Diskriminierung von Bewerbern aufgrund der oben genannten Gründe in Deutschland ohnehin verboten. Aber es ist natürlich äußerst schwierig, den Unternehmen ein Fehlverhalten nachzuweisen.

Verschiedene Anonymisierungen der Bewerbung

Die Arbeitgeber bieten im Rahmen des Pilotprojekts verschiedene Arten der anonymen Bewerbung an: Zum einen gibt es auf die Unternehmen zugeschnittene Online-Bewerbungsbögen, die ohne Angabe zum Namen, der Herkunft, Religion etc. auskommen und nur die Kompetenz, Motivation und Qualifikation erfasst. Zum anderen gibt es auch die Möglichkeit, standardisierte Bewerbungs-Formulare einzusetzen, die wie ein Fragebogen aufgebaut sind. In einer dritten Variante werden die „verfänglichen“ Daten von einer unparteiischen dritten Person unkenntlich gemacht.

 Die Anonymisierungsmethoden werden dabei auf die Rekrutierungspraxis der Unternehmen abgestimmt (d.h. je nachdem, ob sie den postalischen Weg oder Online-Bewerbungen bevorzugen).

Auswertung der Anonymisierten Bewerbung

Ende 2011 wird das Anonyme Bewerbungsverfahren von dem Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn und der Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt der Europa-Universität Viadrina (KOWA) in Frankfurt/Oder ausgewertet. Fakt ist, dass selbst die Anonymisierte Bewerbung die Diskriminierung Jobsuchender nicht hundertprozentig verhindern, aber deutlich mindern kann.

Erfahrungen mit der anonymen Bewerbung in anderen Ländern

Andere Länder wie Schweden, Frankreich, die Schweiz und Belgien haben bereits Erfahrungen mit der anonymen Bewerbung gesammelt.

So zeigte sich in Schweden, dass sowohl Frauen als auch Migranten durch das Bewerbungsverfahren eine höhere Chance haben, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Bei den Frauen gab es dabei nachweisbar einen Anstieg der Wahrscheinlichkeit eines reellen Jobangebotes. Leider konnte dieser positive Effekt für Bewerber mit Migrationshintergrund nicht festgestellt werden. 

In Frankreich wurde 2006 ein Modellprojekt zur Anonymen Bewerbung gestartet. Das Unternehmen Norsys konstatierte drei Jahre, nachdem es die Anonymisierung der Bewerbungsunterlagen eingeführt hatte, dass sich die Anzahl der Frauen im Unternehmen verdoppelt hatte und auch vermehrt ältere Arbeitnehmer eingestellt wurden.

In der Schweiz wurde von 2007 bis 2008 das Pilotprojekt „smart selection“ des Kaufmännischen Verbandes durchgeführt. Dabei stand eine Online-Bewerberplattform im Vordergrund, die sich an Lehrstellensuchende richtete. Insgesamt registrierten sich 200 Lehrbetriebe, bei denen sich 2.300 Suchende mit einem anonymen Profil bewarben. Die Auswertung ergab, dass Jugendliche mit einem Migrationshintergrund deutlich höhere Chancen auf eine Lehrstelle hatten. Auch die beteiligten Unternehmen lobten das Projekt, denn es ermöglichte ihnen eine objektive, kostengünstige und somit effiziente Bewerbersuche.

In Belgien wird das anonyme Bewerbungsverfahren seit 2005 im öffentlichen Sektor praktiziert und ist in diesem Bereich auch gesetzlich verankert.

Das anonyme Bewerbungsverfahren kann dem Fachkräftemangel entgegensteuern

Eine Studie der Universität Konstanz hat erwiesen, dass Bewerber sogar dann schlechte Karten haben, wenn ihr Name nur ausländisch klingt. Bewerber mit einem deutschen Namen werden zu 14 Prozent häufiger zu einem Vorstellungsgespräch geladen als Bewerber mit einem türkischen Namen. Bei kleineren Unternehmen sind es sogar 25 Prozent.

Besonders in der gegenwärtigen Diskussion um den Fachkräftemangel ist die Anonymisierte Bewerbung ein Weg, um talentierten akademischen Nachwuchs einzustellen. Viele gut ausgebildete Fachleute mit Migrationshintergrund wandern in andere Länder ab oder gehen zurück in ihr Heimatland, wenn sie aufgrund ihrer Nationalität oder anderer Kriterien gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden.

Personaler werden zum Umdenken aufgefordert

Fragen, die durch geschwärzte Angaben in den anonymen Bewerbungsunterlagen auftauchen sollten, lassen sich ganz einfach im Vorstellungsgespräch klären. Vor der Einladung zum persönlichen Gespräch bekommen die Personaler ohnehin die kompletten Bewerbungsunterlagen, um sich auf das Gespräch vorzubereiten. Dadurch, dass die Einladung bereits ausgesprochen ist, gehen die Personalverantwortlichen somit offener an das Vorstellungsgespräch heran.

Interessant ist im Zusammenhang der anonymen Bewerbung auch, dass attraktive Frauen auch benachteiligt werden und seltener zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden, wenn sie ihren Bewerbungsunterlagen ein entsprechend attraktives Foto beilegen. Dagegen haben attraktive Männer deutlich höhere Chancen für eine Einladung zum persönlichen Gespräch. Übrigens sind in den USA und Großbritannien Bewerbungen mit Lichtbild im Sinne der Chancengleichheit unerwünscht.

Sinn des Pilotprojektes

Das Pilotprojekt des ADS soll keinen Zwang darstellen, sondern nach und nach mehr Unternehmen von Anonymisierten Bewerbungsverfahren überzeugen. Sowohl zum Vorteil der Bewerber, als auch zum Vorteil der Unternehmen. Beispielsweise nutzt die Deutsche Post das neue Verfahren, um herauszufinden, ob sie einzelne Bewerber wirklich so urteilsfrei unter die Lupe nimmt.

Offen ist noch, welche Methoden sich für ein Anonymes Bewerbungsverfahren eignen und für welche Firmen und für welche Bereiche das Verfahren geeignet ist.

Der erwünschte Nebeneffekt ist jedoch, dass bereits jeder zweite Deutsche von der Anonymen Bewerbung erfahren hat und die Öffentlichkeit für das Problem der Diskriminierung in der Arbeitswelt sensibilisiert worden ist. Auch wenn das Pilotprojekt nur wenig Akzeptanz weiterer Firmen findet, werden sich nun auch Personaler mehr mit dem Thema auseinandersetzen (müssen).

Doch das Anonymisierte Bewerbungsverfahren birgt nicht nur die oben genannten Vorteile. Auf nachteilige Auswirkungen der Anonymen Bewerbung gehen wir in unserem nächsten Artikel ein.

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