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Anonyme Bewerbung: Contra-Argumente

Anonyme Bewerbung: Contra-Argumente

Anonyme BewerbungDiskriminierung im Bewerbungsverfahren zu verhindern ist sinnvoll und wichtig. Alter, Herkunft und Geschlecht eines Menschen dürfen weder Anlass für eine Absage sein, noch sollte überhaupt Diskriminierung stattfinden. Die Idee einer Anonymisierten Bewerbung hat ihre Vorteile, allerdings setzt das Verfahren den Hebel an der falschen Stelle an und führt zu vielen Problemen.

Anonyme Bewerbungen beheben nicht die Ursache für Diskriminierungen

Eine Anonymisierte Bewerbung bekämpft das Symptom, aber nicht die Ursache der Diskriminierung. Laut den Plänen der „Antidiskriminierungsstelle“ sollen alle persönlichen Informationen aus den Unterlagen der Bewerber gelöscht werden, wie z.B. Name, Alter, Herkunft, Geschlecht und die Adresse. Diskriminierende Selektionsmuster der Personaler könnten so nicht mehr greifen, behauptet die Leiterin Christine Lüders. Sie sind aber dennoch da. Diskriminierende Tendenzen verschieben sich im Laufe des Bewerbungsprozesses lediglich nach hinten. Personaler laden vielleicht öfter zu einem Vorstellungsgespräch ein, aber über die Chancen auf einen Job sagt das nichts aus. Im Gespräch greifen dann doch wieder die altbekannten und überholten Selektionsmuster. Geholfen ist so weder den Unternehmen, noch den Bewerbern. Es ist viel sinnvoller, die Selektionsmuster direkt zu bekämpfen. Nicht die Symptome müssen beseitig werden, sondern die Ursache. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Soichiro Honda, Gründer der gleichnamigen Automobilmarke, konstruierte Autos mit einer Knautschzone und stärkeren Karosserien. So konnte er die Symptome bei einem Unfall vermindern. Ihm erschien es jedoch weitaus klüger, bessere Bremsen einzubauen, denn jetzt ließ sich der Unfall an sich verhindern. Diskriminierung bei der Bewerbung ist das Symptom, die Vorurteile sind der Unfall. Spezielle Schulungen und interkulturelle Annäherung bauen die Vorurteile ab, die für die ungerechte Behandlung verantwortlich sind. Da sollte der Hebel der „Antidiskriminierungsstelle“ ansetzen und nicht versuchen, etwas Kaputtes wieder zusammenzuflicken.

Die psychischen Auswirkungen einer Anonymisierten Bewerbung sind ebenfalls äußerst problematisch. Ein solches Verfahren suggeriert den Bewerbern einen Makel, welcher behoben werden müsse. Anstatt den Ramadan angemessen zu feiern, müssen sie ihre Glaubensrichtung verstecken. Frauen werden nicht aufgebaut, sie werden ihres Geschlechtes beraubt. Ältere Menschen verlieren ihre Erfahrung und sollen Jugendlichkeit vortäuschen. Das macht keinen Sinn. Gleichberechtigung erreicht man nicht dadurch, dass man jeden Menschen anonymisiert und normiert. Gleichberechtigung herrscht dann, wenn Frauen wie Männer, Alte wie Junge, Ausländer wie Einheimische die gleichen Chancen auf einen Job haben. Und zwar mit all ihren besonderen Eigenheiten.

Kosten, Verwirrungen und technische Probleme

Die Nachteile eines anonymisierten Verfahrens sind zahlreich. Es entstehen unnötige Kosten: Jobsuchende und Unternehmen bezahlen mehr für die Fahrten zu Bewerbungsgesprächen und investieren wertvolle Zeit, ohne eine greifbar bessere Aussicht auf einen Job bzw. passenden Mitarbeiter zu haben. Unternehmen tragen außerdem einen größeren bürokratischen Aufwand und verschwenden Ressourcen.

Zudem sind manche Anonymisierungen zwecklos und führen zu neuen Möglichkeiten der Benachteiligung. Will ein Personaler das Alter eines Bewerbers herausfinden, schaut er sich den bisherigen Werdegang an. Er kann über die Jahresangabe des Schul- oder Universitätsabschlusses durchaus ein ungefähres Alter des Bewerbers schätzen. Der Personaler hat dann mehr Aufwand, interessiert es ihn jedoch, wird er sich die Mühe auf jeden Fall machen. Und was ist mit Mädchen-Internaten? Steht eine solche Bildungseinrichtung im Lebenslauf, kennt der Personaler doch wieder das Geschlecht der Bewerberin. Die gesellschaftlichen Aktivitäten lassen ebenso Rückschlüsse zu. Soziale Projekte religiöser Gruppierungen tauchen weiterhin im Lebenslauf auf. Das wirft die Frage auf, ob ein Bewerber sein Engagement z.B. in islamischen Einrichtungen verschweigen soll oder nicht. Selbst das Alter ist nicht mehr sicher. Absolvierte ein junger Student etwa viele Praktika und hatte einige Nebenjobs, könnte dies zu einer falschen Alterseinschätzung führen und der Personaler sortiert ihn aus. So führen Qualitätsmerkmale zu Problemen bei der Bewerbung, was nicht Sinn der Sache sein kann.

Die digitale Welt hält weitere Schwierigkeiten bereit. Die Personalabteilung steht mitunter vor dem Problem, eine E-Mail schwärzen zu müssen, da der Name sehr oft Teil der E-Mail-Adresse ist oder im Anschreiben persönliche Details stehen. Wenn der Personaler die Bewerbung digital möchte, heißt das: E-Mail ausdrucken, betreffende Stellen schwärzen, wieder einscannen und dann weiterleiten. Viel, sehr viel Aufwand. Bei einem Datentransfer sendet der Computer zudem immer Informationen mit, die Aufschluss über Standort und teilweise sogar über die Person geben. Findige IT-Fachleute könnten dem Personaler so persönliche Informationen über den Bewerber geben. So ist die vielfältige digitale Welt ein weiterer Stolperstein für das anonymisierte Bewerbungsverfahren.

Anonymisierte Bewerbungen erfüllen nicht ihre Aufgabe und verhindern Vielfältigkeit

Zwar ist die Anonymisierte Bewerbung noch nicht im Gesetz verankert, aber um effektiv greifen zu können, scheint ein solches Gesetz unabdingbar. Genau dies führt aber zu einem weiteren Problem. Erwähnt ein Bewerber dann aus Versehen Details über sich oder streicht ein Mitarbeiter der Firma die betreffende Stelle nicht, würden Personaler die Unterlagen aus rechtlichen Gründen aussortieren. Genau jetzt wäre das System ad absurdum geführt. Die Anonymisierte Bewerbung soll die Diskriminierung auf Grund persönlicher Angaben verhindern, sobald eine solche Information jedoch auftaucht, hätten die Bewerber keine Chance mehr auf den Job. Das Verfahren verhindert die Diskriminierung nicht, es institutionalisiert sie vielmehr.

In manchen Jobs ist zudem ein kultureller Hintergrund nötig. Bei komplizierten Verhandlungen ist vielleicht ein Muttersprachler in Kantonesisch vonnöten. In kulturellen Austauschprogrammen brauchen die Angestellten spezifische Erfahrungen der jeweiligen gesellschaftlichen Normen und Werte. Sollen deren Bewerbungen dann nicht mehr oder nur zum Teil anonymisiert werden? Entstünden dann in Deutschland mehrere Bewerbungsverfahren, die die Personalabteilungen stärker belasten? Darüber hinaus verfolgen einige Unternehmen ein Vielfältigkeitsgebot der Belegschaft. Vor allem in kreativen Bereichen arbeiten Angestellte aus den verschieden Gesellschaftsschichten und mit unterschiedlicher Herkunft zusammen. Die Anonymisierte Bewerbung erschwert eine solche Zusammenstellung erheblich und hemmt so mögliche neue Ideen.

Aus diesen Gründen sollte eine Bewerbung kein Blind-Date sein, wie das anonymisierte Verfahren es vorschlägt. Nicht nur die vielen Nachteile sind sowohl für Jobsuchende wie Unternehmen hinderlich, vielmehr wird dadurch nicht das eigentliche Problem der Vorurteile und Selektionsmuster gelöst. Es ist weitaus vernünftiger, Gründe für Diskriminierung wie Intoleranz und Unwissenheit abzubauen. Dafür bieten sich speziellen Schulungen oder ein verstärkter kultureller Kontakt an. Lieber keinen Unfall bauen als danach die Scherben zusammenkehren.

Lies auch über die positiven Effekte der "Anonymen Bewerbung".

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