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Experten-Interview

„Hochschulabsolventen von heute wissen, was sie wollen“

„Hochschulabsolventen von heute wissen, was sie wollen“

Eine Befragung unter europäischen Studierenden hat gezeigt, dass eine klassische Führungskarriere kein zentraler Lebensinhalt mehr ist – wichtiger sind den jungen Berufseinsteigern Arbeitsinhalte und Karriereperspektiven. ABSOLVENTA hat mit Peter Sticksel von der Franz Haniel & Cie. GmbH gesprochen, die die Studie durchgeführt hat.

Herr Sticksel, Sie haben die Karriereambitionen europäischer Studierender untersucht. Wie ticken denn die Studierenden von heute?

Heutige Studierende haben ein viel konkreteres Informationsbedürfnis nach dem, was sie nach dem Studium erwartet. Außerdem sind sie realitätsbewusster und wissen, dass das Berufsleben keine heile Welt ist, sondern sie dort mit vielen unterschiedlichen Menschen und Aufgaben konfrontiert werden. Sie holen sich die für sie wichtigen Informationen über Kanäle wie Social Media und die Karriereseiten der Unternehmen ein, aber auch über direkte Kontakte wie Familie, Freunde etc.

Welches sind die zentralen Erkenntnisse der Studie?

Die Erkenntnisse lassen sich in drei Themenbereiche gliedern. So haben wir Erkenntnisse darüber bekommen, was die Studierenden als Karriere bezeichnen. Es ist nicht mehr nur die geradlinige Führungskarriere wie früher, sondern sie definieren sich eher über Aufgaben und Projekte. Es gibt eine Verschiebung in Richtung Fachkarriere, in der die Anerkennung als Experte erwartet wird. Auch nutzen immer mehr Studierende das Praktikum, um erste Berufserfahrung zu sammeln. Über das Praktikum können sie konkrete Infos bekommen und erleben hautnah, wie sich die Arbeit in einem Unternehmen anfühlt. Der dritte Themenbereich, der den Studierenden von heute wichtig ist, ist die Internationalität. Wir sehen sehr deutlich, dass international agierende Unternehmen absolute Favoriten bei Absolventen sind. Die meisten von ihnen haben jedoch nicht den Anspruch, direkt zu Beginn der Karriere in Ausland zu gehen, schätzen es aber, wenn ihnen das Unternehmen langfristig dazu die Möglichkeit gibt.  Interessant ist dabei, dass sich Absolventen der kriselnden Länder stärker ans Ausland orientieren, weil im eigenen Land die Möglichkeiten aufgrund der wirtschaftlichen Situation zunehmend begrenzt sind.

Was hat sich in den letzten Jahren verändert?

Ich stelle fest, dass die Vorstellungen der Absolventen klarer und realitätsbezogener werden. Das merke ich auch in meiner Funktion als Personaldirektor. Durch die deutlich besseren Informationen, die zur Verfügung stehen, können die Studierenden die Situation der Arbeitgeber viel besser einschätzen und wissen, wie Unternehmen funktionieren und welche Unternehmen für sie interessant erscheinen.

Auf Unternehmensseite sieht es so aus, dass die Unternehmen lernen müssen, mit dieser Transparenz über das eigene Unternehmen umzugehen und sich dazu ggf. neu aufzustellen. Nur so können Sie sich dieser Herausforderung bestmöglich stellen.

Wie bewerten Sie diese Ergebnisse für den künftigen Arbeitsmarkt?I

In den Arbeitsstrukturen, insbesondere in den Entwicklungsmöglichkeiten, müssen wir flexibler werden. Beispielsweise sollten Unternehmen mehr projektorientiertes Arbeiten sowie Fachkarrieren anbieten, um für Studenten und Young Professionals attraktiver zu sein. Das bekommt eine ganz neue Bedeutung, nicht zuletzt auch durch die alternde Bevölkerung. Die Unternehmen müssen es den jüngeren Arbeitnehmern ermöglichen, sich zu entwickeln und gleichzeitig auch diese neuen Arbeitsstrukturen abbilden.

Für etwa ein Drittel der befragten Studierenden ist die Karriere kein zentraler Lebensinhalt. Arbeitsinhalte und Entwicklungsmöglichkeiten sind hingegen die wirklichen Anreize. Was bedeutet das für die Recruiting-Strategien der Unternehmen?

Die Unternehmen müssen sich klarer positionieren und aufzeigen, welche Chancen tatsächlich im Bereich der Fach- und Führungskarriere sowie auch auf der Projektebene zur Verfügung stehen. Außerdem müssen sie  bessere, an den Lebensphasen ausgerichtete Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten anbieten. Das bedeutet zum Beispiel konkret, die Familienplanung zu berücksichtigen und flexible Arbeitseinsatz- und Arbeitszeitmodelle für jedes Alter anzubieten (Telearbeit, (Alters-)Teilzeit etc.)  Hier sind die Unternehmen gerade dabei, sich darauf einzustellen. Erste Ansätze gibt es, doch wie das in der Gesamtstruktur aussehen soll, da stehen wir noch am Anfang einer weitreichenden Entwicklung. Die Unternehmen müssen bestehende Strukturen aufbrechen, um offener, mobiler und dynamischer zu werden. Und das ist die Herausforderung für die Zukunft.

Laut einer Studie des manager magazins beurteilen Unternehmen das Fachwissen, den Karriere-Ehrgeiz und die Fähigkeit zur Selbstkritik als schlechter als noch vor 10 Jahren. Dafür ist aber das selbstsichere Auftreten weitaus besser. Müssen wir also anspruchsvolle, überhebliche und antriebslose Berufseinsteiger befürchten?

Nein, das glaube ich nicht. Wir erleben immer mehr Absolventen, die ganz konkrete Vorstellungen haben und wissen, was sie wollen und wie sich das entwickeln soll. Das schlägt sich auch in den Rekrutierungsgesprächen nieder. Hier merken wir, dass die Bewerber zunehmend hinterfragen und klar kommunizieren, was sie erwarten. Also ja, die Selbstsicherheit ist stärker geworden, nicht aber Überheblichkeit und Antriebslosigkeit. Klare Vorstellungen der Studierenden treffen auf die Möglichkeiten in den Unternehmen. Der Karriere-Ehrgeiz hat sich tatsächlich verändert. Eine Führungskarriere steht nicht mehr allein im Vordergrund, sondern die Arbeitsinhalte, Beziehungen und Möglichkeiten der Entwicklung. Also eher offen gehalten und weniger nur auf Führung bezogen. Damit müssen wir als Unternehmen umgehen. Wir erleben eine selbstbewusste Generation, die sich in den Unternehmen nicht mehr sozialisieren und in Formen pressen lässt.

Ist das eine positive oder negative Entwicklung?

Weder positiv, noch negativ. Neutral betrachtet, ist das eine Entwicklung, mit der sich die Unternehmen und auch die Menschen auseinandersetzen müssen. Wir haben mehrere Jahrzehnte lang Manager in linearen Karrierewegen ausgebildet. Für die jungen Generationen müssen die Unternehmen neue Strukturen schaffen und flexibler sein. Das ist die große Herausforderung.

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