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Dr. Jochen Kluve im Interview

„Auch in einer Rezession müssen Firmen innovativ bleiben und brauchen Akademiker“

„Auch in einer Rezession müssen Firmen innovativ bleiben und brauchen Akademiker“

Dr. Jochen Kluve ist Arbeitsmarktexperte und Leiter des Berliner Büros des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI Essen). Im Interview mit dem Karriere-Blog der Jobbörse ABSOLVENTA sagt er, wie sich die Finanzkrise auf den Arbeitsmarkt für Akademiker auswirkt, welche Branchen von der Finanzkrise profitieren und warum die USA kein attraktives Auswanderungsziel für Akademiker mehr sind.

Herr Dr. Kluve, die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise hält viele Arbeitnehmer in Atem. Viele fürchten um ihren Job. Zu Recht?

Angesichts täglicher Schreckensmeldungen in den Medien zur Wirtschaftskrise ist es verständlich, dass Arbeitnehmer sich die Frage stellen: Wird mich das auch betreffen? Auch auf dem Arbeitsmarkt wird im Jahresverlauf die Finanzkrise zu spüren sein – in welchem Ausmaß ist allerdings unklar. Insbesondere könnten hier die "Konjunkturpakete" der Bundesregierung einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit entgegenwirken – so wie beispielsweise Kurzarbeit versucht, die Mitarbeiter in ihren Jobs zu halten, bis die Rezession vorüber ist.

Wie stark wird die Gruppe der Akademiker auf dem Arbeitsmarkt von den Auswirkungen der Finanzkrise betroffen sein?

Akademiker werden von der Finanzkrise weniger stark betroffen sein als andere Arbeitnehmergruppen. In der Vergangenheit waren im Wirtschaftsabschwung vor allem die niedrig qualifizierten und zum Teil auch die älteren Arbeitnehmer von Arbeitslosigkeit betroffen, nicht die Akademiker. Auch wenn die drohende Rezession besonders tief zu werden droht: Eine gute Ausbildung ist grundsätzlich die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit.

Wird es speziell für Jung-Akademiker in Folge der Finanzkrise dennoch schwerer, nach dem Studium zügig den Berufseinstieg zu schaffen?

Wenn in einer Rezession viele Firmen für Teile ihrer Belegschaft Kurzarbeit beantragen oder gar Stellen abbauen, beeinträchtigt das natürlich auch die Chancen der Absolventen und Berufseinsteiger. Aber auch hier gilt, dass sich junge, gut ausgebildete Menschen relativ zu anderen Arbeitnehmergruppen immer noch in der bestmöglichen Situation befinden. Die Chancen für den Berufseinstieg stehen also vergleichsweise gut.

Viele Unternehmen beklagen sich über einen Fachkräfte- und Akademikermangel, speziell in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen. Wird sich dieser Mangel in Folge die Finanzkrise verringern?

Dies kann theoretisch nur in dem Maße geschehen, in dem Firmen derartige – aufgrund eines solchen "Fachkräftemangels" bisher offen gebliebene – Stellen aufgrund der plötzlichen rezessionsbedingten Verringerung ihrer betrieblichen Tätigkeit nicht mehr besetzen müssen. Aber auch, und vielleicht gerade, in einer Rezession müssen Firmen innovativ bleiben und brauchen Fachkräfte und Akademiker. Und langfristig sind für den wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands Fachkräfte in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen essentiell.

Gibt es auch krisenfeste Branchen oder gibt es sogar Branchen, die von der Finanzkrise sogar profitieren?

Güter des alltäglichen Bedarfs werden natürlich auch in der Rezession nachgefragt, und Firmen in diesen Branchen sind eher krisenstabil, vielleicht profitieren die Discounter gar von der Finanzkrise.

Wie ist die Situation in den anderen Ländern? Jährlich wandern tausende Akademiker ins Ausland aus. In wie weit wird die Finanzkrise darauf Einfluss haben?

Andere EU-Länder sind von der Krise in ähnlichem Ausmaß betroffen wie Deutschland, so dass sich hier derzeit an deren (Nicht-) Attraktivität komparativ wenig geändert hat. Die USA dagegen scheinen von der Finanzksrise härter getroffen zu sein, und sind sicherlich derzeit kein attraktives Auswanderungsziel, auch nicht für Akademiker. Bei einem erneuten weltwirtschaftlichen Aufschwung werden die USA allerdings auch das Land sein, das sich am schnellsten wieder erholt.

Wie stehen die Chancen, dass der Wirtschaftstandort Deutschland letztendlich sogar gestärkt aus der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise hervorgeht?

Das ist kaum vorherzusagen. Eine Chance besteht nur, wenn die Krise zu richtigem politischen Handeln anregt: Wenn die neugestaltete Aufsicht der Finanzmärkte greift, und wenn Deutschland wettbewerbsfähig bleibt, durch Steuersenkungen, einen flexiblen Arbeitsmarkt und Investitionen in Bildung.

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