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Experten-Interview

Mobbing: „1,8 Millionen Betroffene in Deutschland“

Mobbing: „1,8 Millionen Betroffene in Deutschland“

Mobbing ist leider ein ständig aktuelles Thema, da viele Menschen, ob in der Schule oder im Beruf, darunter leiden. Im Experten-Interview mit ABSOLVENTA erklärt Monika Hirsch-Sprätz, Leiterin der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg, was genau Mobbing ist, welche Folgen es für die Opfer hat und wie sich ein von Mobbing-Betroffener am besten verhalten sollte.

Sehr geehrte Frau Hirsch-Sprätz, wie lautet die Definition von Mobbing?

Es gibt mehrere Definitionen von Mobbing. Eine mit der wir in der Beratung arbeiten lautet: „Unter Mobbing werden (negative) kommunikative Handlungen am Arbeitsplatz verstanden, die von Kollegen oder Vorgesetzten ausgeübt werden, gegen eine Person gerichtet sind und systematisch und zielgerichtet über einen längeren Zeitraum als ein halbes Jahr, ein- bis mehrmals wöchentlich vorkommen. Ziel ist die Ausgrenzung vom Arbeitsplatz. Dabei ist der Betroffene die Person, über die tiefer liegende betriebliche Probleme ausgetragen werden.“

Gibt es auch eine klare juristische Einstufung?

Die juristische Definition von Mobbing ist folgende: "Der Begriff Mobbing erfasst im arbeitsrechtlichen Verständnis fortgesetzte, aufeinander aufbauende oder ineinander übergreifende, der Anfeindung, Schikane oder Diskriminierung dienende Verhaltensweisen, die nach ihrer Art und ihrem Ablauf im Regelfall einer übergeordneten, von der Rechtsordnung nicht gedeckten Zielsetzung förderlich sind und jedenfalls in ihrer Gesamtheit das allgemeine Persönlichkeitsrecht oder andere ebenso geschützte Rechte, wie Gesundheit und Ehre, verletzen.“

Wie entsteht Mobbing?

Mobbing entsteht meist schleichend. Kränkungen, Verletzungen, Konkurrenzen, Neid und Ängste auf der Arbeits- und Beziehungsebene werden nicht angesprochen, hinterfragt oder sind noch nicht bewusst. Was für den Einen lustig ist, ist für den Anderen unter Umständen verletzend. Es gibt Menschen, die erkennen, wenn sie ein Gegenüber verletzt haben und sind zukünftig vorsichtiger mit dem was und wie sie etwas äußern, tun oder fragen auch mal nach, was da gerade angekommen ist.

Ab wann wird aus necken ärgern und aus ärgern Mobbing?

Manche Menschen merken lange nicht, was sie tun, da ihre Laune, Machtposition oder ihre Persönlichkeitsstruktur dazu führt, dass sie willkürlich, unsensibel oder qua Funktionsebene so auf ihre Umwelt reagieren. Andere wiederum, die aus persönlichen Gründen ihr Gegenüber ärgern, verletzen oder ausgrenzen wollen, sehen wie dieses Verhalten ankommt und werden, um ihr persönliches Ziel zu erreichen, dies dann gezielt öfter tun, wenn sie damit einen persönlichen Nutzen verbinden. Sie haben die Schwachstelle beim Anderen erkannt. Ein solch bewusstes, gezieltes und andauerndes Vorgehen verändert das Necken/Ärgern dann in ein systematisches Verhalten und wird so zum Mobbing. Der alltägliche Psychoterror beginnt.

Ist Mobbing auch eine subjektive Sache?

Meinungsverschiedenheiten, Spannungen unter den Kollegen oder Arbeitsstress, sogar schlechter Führungsstil von Führungskräften muss noch kein Mobbing beziehungsweise Bossing sein. Jeder Mensch bringt seine Familien- und Sozialisationserfahrung, seine Persönlichkeitsstruktur oder Tagesverfassung mit und damit seine Erfahrungen, wie er Konflikte und deren (Nicht-)Lösung in der Vergangenheit und den Umgang damit erlebt hat. Wenn verschiedene Welten, Kulturen, Hierarchieebenen, Persönlichkeitsmerkmale oder Arbeitsgewohnheiten aufeinander treffen und keine Zeit bleibt oder sich genommen wird, sich die dahinter liegenden Bedürfnisse der Konfliktbeteiligten zu betrachten, dann bleibt der Konflikt auf der Ebene der unterschiedlichen Positionen stehen oder kann eskalieren – ohne Rücksicht auf oder Verständnis für das Gegenüber.

Gibt es offizielle Zahlen und Daten zu Mobbing?

In der Arbeitswelt wird von einer Zahl von 1,8 Millionen Betroffenen ausgegangen. Die Dunkelziffer liegt sicher höher, doch dazu gibt es keine mir bekannten, konkreten Zahlen. In der Beraterszene wird jedoch davon ausgegangen, dass über 75 Prozent der Mobbingfälle unter Mitwirkung oder Duldung von Vorgesetzten stattfindet.

Welche Formen von Mobbing gibt es?

Gemobbt werden kann auf viele Arten und Weisen, beispielsweise durch das Direktionsrecht des Vorgesetzten und Machtausübung oder die Ausgrenzung durch eine Versetzung in einen Raum alleine weitab. Auch die Erteilung eines Redeverbots den Kollegen gegenüber, die Androhung beziehungsweise Durchführung arbeitsrechtlicher Sanktionen oder die Abwertung und Missachtung der Person vor Kollegen oder Mitschülern sind Formen von Mobbing.

Sind Ihnen noch weitere Mobbing-Arten bekannt?

Ja. Weiteres mögliches Mobbing ist tägliche oder wöchentliche Schikane. Sei es das absichtliche Streuen von Gerüchten und üble Nachrede bis hin zur Rufschädigung oder auch Arbeitsüber- oder Arbeitsunterforderung, Arbeitsentzug und ständige negative und damit destruktive Kritik und absichtliche Falschaussagen zur Arbeitsleistung.

Man hört und liest immer wieder Fälle, wo Personen über soziale Netzwerke wie Facebook oder StudiVZ Ziel von Mobbing-Angriffen werden. Nimmt Cyber-Mobbing zu und wie kann man sich davor schützen?

Cyber-Mobbing nimmt zu, aber auch das Wissen um persönliche Schutzmaßnahmen zur Wahrung der eigenen Persönlichkeitsrechte. In unterschiedlichen Ländern werden Kampagnen gegen Cyber-Mobbing gestartet oder es ist möglich, sich an die Internet-Beschwerdestelle Deutschland oder deren Dachorganisation www.inhope.org zu wenden. Wichtige Informationen und Medienkompetenz für Kinder und Eltern findet man beispielsweise unter www.internet-abc.de, für Schüler auf Seiten wie www.klicksafe.de oder www.jugendschutz.net. Auch unsere Mobbing-Beratungsstelle Berlin-Brandenburg hilft.

Gibt es typische Mobbing-Opfer?

Meiner Erfahrung und Kenntnis nach nicht. Mobbing kann jeden treffen. Es gibt also keine speziellen Opfertypen.

Welche Personen mobben und aus welchen Gründen?

Menschen die mobben, haben häufig Minderwertigkeitsgefühle, sind Neider und Hasser oder gekränkte Menschen, die über Rache agieren. Auch Personen mit starken (Sehn-)Suchtproblemen, Egomanen und Narzissten - häufig kombiniert - und diejenigen, die starke Existenz-, Konkurrenz- und Karriereverlustängste haben, sind häufig unter den Mobbern zu finden. Auch (negative) Macht-Menschen, Menschen in Unter- oder Überforderungssituationen und unqualifizierte Führungskräfte mobben.

Welche Folgen hat Mobbing für Betroffene?

Die Mobbing-Folgen können in psychische, physische, finanzielle, arbeitstechnische und gesellschaftliche unterteilt werden. Zu den psychischen Schäden zählen:

  • Nervosität und Weinkrämpfe
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Schlafstörungen und Alpträume
  • Angststörungen, Panikattacken und Atemnot
  • Erschöpfungszustände und Burnout
  • Posttraumatisches Belastungssyndrom (PTSD)
  • Depressionen, Persönlichkeitsveränderungen und Apathie sowie
  • Suizidversuche und Suizidausführung

Welche physischen Folgen hat Mobbing?

Es können verschiedene physische Schmerzen und Problem entstehen:

  • Kopfschmerzen und Migräne
  • Essstörungen und Verdauungsprobleme
  • Magenschleimhautentzündungen und Magengeschwüre
  • Herz-Kreislaufprobleme und Bluthochdruck
  • Undefinierbare Symptomschmerzen
  • Suchtverhalten (Medikamente und Alkohol)

Weitere Resultate von Mobbing sind zum Beispiel finanzieller Natur, denn Betroffene müssen Beratungen, Juristen, Krankengeldkosten, Arbeitslosigkeit oder Frühberentung noch immer selbst tragen. Auf der Arbeitsebene ergeben sich häufig lange krankheitsbedingte Fehlzeiten, Stigmatisierungen, Diskriminierungen, Versetzungen und Umsetzungen, Arbeitslosigkeit oder eine Berufsunfähigkeit. Daraus kann eine gesellschaftliche Ausgrenzung durch den Verlust des Arbeitsplatzes, der gesellschaftlichen Anerkennung oder den sozialen Kontakten entstehen.

Wie sollte man sich verhalten, wenn ein Kollege das Ziel einer Mobbing-Attacke wird?

Zuerst sollte man Hinsehen und nicht Weggehen und sich neben die angegriffene Person stellen und immer erst fragen, ob man unterstützen und vermitteln kann, auch wenn unterschiedliche Hierarchieebenen betroffen sind. Des Weiteren kann man mit dafür sorgen, dass Konfliktparteien miteinander im Gespräch bleiben oder je nach Situation überlegen, wie sachlich verbal diskutiert werden kann. Es kann auch helfen, wenn man andere Personen anspricht und in die Konfliktsituation mit einbezieht, um den Konflikt auf eine breitere Ebene zu stellen und vorsichtig Öffentlichkeit für den Angegriffenen schafft. Es ist eine gute Idee, die betroffene Person zu fragen, was ihr helfen könnte und ihr bei der Suche nach internen oder externen Ansprechpartnern Hilfe anzubieten.

Und was kann man tun, wenn man vom Vorgesetzten gemobbt wird?

Zunächst muss man die Kontrolle über sich bewahren und nicht aus der Haut fahren. Dazu sollte man zuhören, aber nicht bis zum bitteren Ende eine diskriminierende Gesprächssituation abwarten. Besonders wichtig ist es klar, mutig und couragiert ein oder mehrere „STOPs“ zu setzen, Distanz zu halten und selbstbewusst aufzutreten. Auch das Dazuholen von Zeugen und der Gang zum Personal- oder Betriebsrat kann helfen.

Sollte man sich seinen Freunden offenbaren und andere Experten zu Rate ziehen?

Es ist sinnvoll mit Freunden, Partnern oder Kollegen zu sprechen und sich mehrere Meinungen und Informationen einzuholen. Ich rate außerdem dazu, die Vorfälle und den Verlauf in einem Mobbing-Tagebuch aufzuschreiben, sowie die psychischen und physischen Folgen von einem Arzt dokumentieren zu lassen. Mobbende Vorgesetzte können von Arbeitnehmern auch ermahnt und abgemahnt werden. Dazu ist es gut, wenn ein Betroffener zeitnah eine Mobbingberatungsstelle aufsucht.

Gibt es, ähnlich wie beim Stalking, auch gegen Mobbing ein spezielles Gesetz?

Nein. In Deutschland sind wir darauf angewiesen, mit den bestehenden Gesetzen (ArbSchG, BetrVG, PersVG, StrafG, SchwerBG, AGG, etc.) an das Mobbing- und Bossingthema heranzugehen.

Wie kann/sollte man sich als Berufseinsteiger in einer neuen Firma oder bei einem Wechsel in eine neue Abteilung verhalten, damit man nicht zu einem Mobbing-Opfer wird?

Man sollte nicht gleich mit 180 Prozent Einsatz einsteigen, sondern sich Zeit lassen und sich umschauen, was die Regeln, Arbeitsweisen und zwischenmenschlichen Gepflogenheit vor Ort sind. Dazu kann man nach der Arbeitsplatzhistorie fragen, zum Beispiel was mit dem Vorgänger war. Es ist auch grundsätzlich vorteilhaft, sich über die Anfänge von Mobbing in Büchern und im Internet zu informieren. Es ist außerdem nützlich, auf das Miteinander der Kollegen zu achten, wie auch auf die Unternehmenskultur und das Betriebsklima überhaupt, auch zwischen den Führungskräften.

Haben Sie noch einen letzten Leitsatz für Berufseinsteiger?

Am wichtigsten ist es, sich immer treu zu bleiben und sich selbst keinen Stress zu machen!

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