Focus Money Auszeichnung - Beste Jobbörse

7601 Jobs für Berufseinsteiger. Jetzt suchen!

Prof. Dr. Volker Faust im Interview

„Burnout trifft gehäuft die Mittel- und Oberschicht“

„Burnout trifft gehäuft die Mittel- und Oberschicht“

Prof. Dr. Volker Faust ist Medizinaldirektor im Ruhestand und Arzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Er führt eine Privatpraxis in Ravensburg und ist Experte auf dem Gebiet "Burnout". Im Interview mit dem Karriere-Blog der Jobbörse Absolventa zeigt er die Ursachen und den Krankheitsverlauf auf und erklärt, wie jeder einzelne einem Burnout vorbeugen kann.

Sehr geehrter Prof. Faust, was ist Burnout überhaupt?

Prof. Faust: Die einen halten es für eine Mode-Diagnose der Schwachen und Versager, zumindest Leistungs-Unwilligen, die anderen für einen gefährlichen „Schwelbrand unserer Gesellschaft“. Für beides gibt es Beispiele. Burnout ist in Wahrheit aber nicht neu sondern wurde früher schon als „Elias-Müdigkeit“ bezeichnet. Im Laufe der Zeit haben sich Dutzende bedeutungs-ähnlicher Begriffe entwickelt, von denen die „Erschöpfungs-Depression“ wohl am treffendsten ist. Die offiziellen Stellen wie Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Psychiatrische Amerikanische Vereinigung (APA) halten sich jedoch bedeckt. Damit ist Burnout kein anerkanntes Krankheitsbild, höchstens ein Leidensbild. Von den vielen Definitionen ist die kürzeste wohl auch am besten: erschöpft => verbittert => ausgebrannt.

Häufen sich die Burnout-Fälle in der letzen Zeit, oder ist das Krankheitsbild durch betroffene Prominente nur mehr in der Öffentlichkeit?

Prof. Faust: Die Prominenten-Schicksale sind gut, um das unbekannte, zumindest nicht akzeptierte Leid des „kleinen Mannes“ besser zur Geltung zu bringen. Auf jeden Fall nimmt das Leidensbild zu, vor allem in der Mittel- und Oberschicht, bei Männern mehr als bei Frauen – letztere holen jedoch auf. Die Betroffenen sind häufig in den „besten Jahren“ und zunehmend auch immer jünger. Im Rückbildungsalter ist Burnout eher selten. Dort lässt der gesellschaftliche, insbesondere berufliche Druck, nach. Burnout war schon immer ein - früher wenig bekanntes - psychosoziales Problem, welches jetzt kontinuierlich zunimmt.

Wie viele Betroffene gibt es denn?

Prof. Faust: Es zirkulieren alle möglichen Zahlen, doch exakte gibt es nicht. Burnout ist ein heimliches Leidensbild. Nicht ganz so diskriminierend wie eine seelische Störung, vor allem weil es eher gesellschaftliche, insbesondere berufliche Stress-Ursachen hat. Trotzdem outet sich kaum jemand freiwillig. Es sei denn, er sieht als „Trittbrett-Fahrer“ seine Chancen als Entschuldigung für mangelhaften Einsatz bzw. Berufserfolg. Kurz: Es sind keine seriös erhebbaren exakten Daten verfügbar. Auch weil noch nicht einmal eine Definition oder eine wissenschaftliche Klassifikation allgemein akzeptiert sind.

Wer ist betroffen? Gibt es bestimmte Risikogruppen?

Prof. Faust: Früher sprach man vor allem von helfenden Berufen, wo es auch heute noch relativ häufig vorkommt. Inzwischen aber dürften alle gefährdet sein, von Anwalt bis Zahnarzt. Wahrscheinlich trifft es in der Tat gehäuft die Mittel- und Oberschicht.

Sind Menschen mit bestimmten Charaktereigenschaften besonders gefährdet?

Prof. Faust: Ja, zumindest nach den derzeitigen Erkenntnissen. So spricht man zum einen – etwas oberflächlich, aber nicht völlig falsch – von „echten Ausbrennern“. Dabei handelt es sich um ursprünglich dynamische und zielstrebige Männer und Frauen, die an schlechten Bedingungen zugrunde gehen, die sich aber ihren Stress letztlich selber verschafft haben, vor allem weil sie nicht Nein zu sich selber sagen können. Deshalb bezeichnen Experten sie auch als „Selbstverbrenner“. Zum anderen sprechen Experten von „Verschlissenen“, die wenig durchsetzungsfähig bis passiv sind. Auch diese Personen können nicht Nein zu anderen sagen, weil sie Angst haben deren Sympathie zu verlieren und damit tatsächlich die Opfer äußerer Umstände werden. Als drittes gibt es noch eine Gruppe von „Trittbrett-Fahrern“. Diese auch als „Eingerostete“ oder „Durchgerostete“ bezeichnete Gruppe beinhaltet jene Personen die zwar von der positiven Seite des Burnout-Image Nutzen ziehen, in Wirklichkeit aber nie „gelodert“ haben Letztere nehmen zu, selbst ohne vordergründige Täuschungs-Absicht.

Welche sonstigen Ursachen für Burnout sind häufig?

Prof. Faust: Wir leben nun mal in einer Leistungsgesellschaft, damit muss man sich abfinden. Das tun auch die meisten. Im Grunde wollen Mitarbeiter nicht nur einen sicheren Arbeitsplatz mit einem ordentlichen Einkommen, sondern auch viele weitere Dinge wie Gestaltungsspielraum und Anerkennung. Und durchaus auch Kritik, aber berechtigt muss sie sein. Man hat jedoch den Eindruck, dass der verantwortungsvolle Umgang mit den Mitarbeitern langsam verloren geht. Dabei fördert genau dieser Aspekt den Erfolg eines Unternehmens auf Dauer, das weiß man schon lange – es wird nur immer wieder vergessen, verdrängt oder mutwillig zur Seite geschoben, weil die Arbeitgeber egoistische Interesse haben.

Gibt es typische erste Anzeichen für das Burnout-Syndrom?

Prof. Faust: Der Beginn einer Burnout-Krise erscheint erst einmal positiv: aktiv, dynamisch, zupackend, ideenreich, engagiert bzw. überengagiert. Typisch sind ein vermehrter Einsatz, freiwillige Mehrarbeit, der subjektive Eindruck der eigenen Unentbehrlichkeit, das Gefühl eigentlich nie mehr richtig Zeit zu haben und damit die wachsende Verleugnung eigener Bedürfnisse. Dazu kann eine schleichend zunehmende Beschränkung zwischenmenschlicher Kontakte kommen.

Wie verläuft die Krankheit weiter?

Prof. Faust: Nach und nach kommt es unerbittlich zu einer Erschöpfungsphase: Hier drohen verminderte Belastbarkeit, wachsende Stimmungslabilität und vor allem eine bisher nicht gekannte Erholungsunfähigkeit. Auch eine zunehmende Infekt-Anfälligkeit gehört dazu, meist ständige banale Erkältungen und Grippe-Infekte. Die Betroffenen werden müde, zum Beispiel im Sinne einer eigenartigen, alles durchdringenden Mattigkeit. Diese wird in Fachkreisen auch als Tagesmüdigkeit oder chronisches Müdigkeitssyndrom bezeichnet. Am Schluss drohen rasche Erschöpfbarkeit und schließlich regelrechte Kraftlosigkeit. Dazu kommen noch eine irritierende Merk- und Konzentrationsstörung bis hin zur „Leere im Gehirn“, die ab einem gewissen Alter dann auch noch irrtümlich als Alzheimer-Demenz diagnostiziert werden kann. Ein scheinbar paradoxes Phänomen ist ebenfalls typisch: nämlich nach außen müde, matt und abgeschlagen zu sein, innerlich aber unruhig, nervös und gespannt, mitunter sogar reizbar und aggressiv.

Und das Ende…?

Prof. Faust: …ist charakterisiert durch Resignation, Entmutigung, leichte Kränkbarkeit, Niedergeschlagenheit, Minderwertigkeits- und Versagensgefühle, Pessimismus, Negativismus ja sogar Fatalismus und ganz zum Schluss eine selbst-schädigende Fassade im Sinne von Ironie, Sarkasmus und Zynismus. Das mag niemand, das bekommt der Betreffende auch bald zu spüren.

Was kann ich machen, wenn ich bei mir oder anderen Personen Anzeichen für Burnout erkenne?

Prof. Faust: Als Erstes sollte man ungeschönt und detailliert entsprechende Warn-Symptome auf eigene Beteiligung hin abklopfen. Nach dem Erkennen aber kommt der größere Schritt: das An-Erkennen, das Akzeptieren. Das ist vor allem für die erwähnte Persönlichkeitsstruktur eine herbe Ernüchterung, die man lieber verdrängt, als konstruktiv zu akzeptieren. Also konkret: selbstkritische Beobachtung, die Hinweise des wohlwollenden Umfelds beachten, Warnzeichen registrieren, das Steuer aber nicht schlagartig herumreißen wollen, sondern stattdessen bedacht aber konsequent gegensteuern. Es ist sinnvoll, sich über Burnout-Details zu informieren, die Lebensführung zu analysieren und nicht mit den üblichen Reaktionen wie „Ja wann denn“? oder „Wie denn?“ abzublocken.

Gibt es wirksame vorbeugende Maßnahmen gegen das Burnout-Syndrom?

Prof. Faust: Man muss lernen, sich mit partnerschaftlichen, familiären und vor allem aber wirtschaftlichen und beruflichen Belastungen zu arrangieren. Was hingegen Persönlichkeitsstruktur und vor allem Lebensweise anbelangt, gibt es viele stabilisierende Möglichkeiten, die aber erstaunlich selten praktiziert, ja nicht einmal in Erwägung gezogen werden. Hier liegt die Chance, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen. Dass dies dann doch eher selten der Fall ist, macht die tragische Komponente des Burnout-Syndroms aus.

Was für stabilisierende Möglichkeiten in Hinblick auf die Lebensweise sind das konkret?

Eine gesunde Lebensführung in Bezug auf Schlaf, körperliche Aktivität, Genussmittel, Entspannungsverfahren, Ernährung, entgleisungsgefährliche Selbstbehandlungs-Versuche und so weiter wirkt vorbeugend. Außerdem sollte man darüber reden lernen, es also nicht verdrängen. Ganz schlicht: reden - reden - reden und gehen - gehen – gehen. Der bekannte Gesundmarsch, das heißt täglich 30 Minuten a 100 Schritte pro Minute zu gehen, ist gesundheitsfördernd und wirkt auch dem Burnout-Syndrom entgegen.

Wenn die Krankheit trotzdem voll ausbricht: Welche Therapie-Maßnahmen existieren?

Prof. Faust: Vorbeugend wäre mir lieber als therapeutisch. Ausgebrannt heißt schließlich ausgebrannt. Glücklicherweise sind die meisten nur etwas „angekokelt“ und noch nicht bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Im Extremzustand aber braucht es schon einen Psychiater oder Nervenarzt, der vor allem auch die bekannten Endzustände von der Schlaflosigkeit bis zur Erschöpfungs-Depression gezielt behandelt, auch medikamentös. Der End-Zustand eines Burnouts hat jedoch leider keine so guten Heilungsaussichten.

Lies auch das Experteninterview zum Thema Mobbing mit Mobbing-Beraterin Monika Hirsch-Sprätz.

Beliebte Artikel aus unserem Karriereguide

Das Honorar
Der etwas andere Lohn

Das Honorar

Die Arbeitsleistung eines Menschen kann auf unterschiedliche Art und Weise vergütet werden. Je nach Beruf und Anstellungsverhältnis wird das Arbeitsentgelt auch unterschiedlich bezeichnet. Vor allem Freiberufler bekommen kein Gehalt oder Lohn, sondern ein Honorar. ABSOLVENTA erklärt, worum es sich dabei genau handelt.

Zum Artikel
Rollenspiel im Assessment Center
„Und wer sind Sie?“

Rollenspiel im Assessment Center

Schauspielern auf Knopfdruck? Das Rollenspiel im Assessment Center (AC) erfüllt eine wichtige Funktion, denn die Bewerber müssen sich in einer direkten Gesprächssituation in einer schwierigen Situation beweisen, z.B. einem Mitarbeiter- oder Kundengespräch. Die wichtigsten Verhaltensregeln sowie Tipps und Tricks helf...

Zum Artikel
Zeugnissprache im Arbeitszeugnis
"Hat sich stets bemüht"

Zeugnissprache im Arbeitszeugnis

Von "hat sich stets bemüht" bis "stets zur vollsten Zufriedenheit": Die Formulierungen im Arbeitszeugnis klingen fast immer gut, die Wahrheit sieht aber oft anders aus. Nicht selten sind Lob und Kritik des Arbeitgebers nicht sofort zu erkennen. Auch aus diesem Grund spricht man von dem „Code Arbeitszeugnis“, wenn es...

Zum Artikel