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Experten-interview

„Bei Bewerbungen ist Eigenlob nicht verpönt sondern angebracht“

„Bei Bewerbungen ist Eigenlob nicht verpönt sondern angebracht“

Gerhard-Hermann Koch blickt auf eine jahrzehntelange Karriere als Personalberater zurück und betreibt die Webseite karrierehandbuch.de, wo er eine Fülle von Tipps und Hinweisen für Bewerbung und Karriere anbietet. Im Interview mit der Jobbörse ABSOLVENTA verrät er, wie lange Personaler brauchen, um eine Bewerbung zu beurteilen, welches die häufigsten Fehler bei Bewerbungen sind, und wie Absolventren ihre Bewerbungsunterlagen selbst überprüfen können.

Hallo Herr Koch, in Ihrem Karrierehandbuch schreiben Sie, es geht bei Bewerbungen nicht darum schönen Fußball zu spielen, sondern darum, das Spiel zu gewinnen. Was genau meinen Sie damit?

Ich bin kein Fußballanhänger, aber ich lese natürlich immer mal wieder in den Medien, dass die Nationalelf gerügt wird, dass sie einen Fußball spielt, der auf den Sieg ausgerichtet ist. Ein „schönes“ Spiel mag den Zuschauer freuen, aber es führt eben meistens nicht zum Sieg. Bewerber unternehmen große Anstrengungen in der optisch perfekten Darstellung ihrer Bewerbungsunterlagen. Das entspricht einem „schönen“ Spiel. Weniger Aufmerksamkeit widmen sie der Herausarbeitung ihres Könnens. Das ist aber das wirklich Entscheidende! Eigenlob ist in Deutschland verpönt. Doch wer sein Rad nicht wie ein Pfau aufschlägt, stellt auch nicht ausreichend klar, welche Leistungen er vollbracht hat, und was er für ein Könner ist. Erst hieraus ergibt sich aber der Nutzen für den zukünftigen Arbeitgeber. Schönheit schadet nicht, aber sie darf niemals zu Lasten dessen gehen, was den Bewerber qualitativ aus der Masse heraushebt. Personalmanager haben wenig Zeit. Gewinnen wird derjenige, der diese überzeugt, ohne dass sie hierfür eine besondere eigene Mühe aufwenden mussten.

Nach wie viel Zeit haben sich Personalverantwortliche einen ersten Eindruck über die Bewerbungsunterlagen gebildet?

Personalmanager prüfen heutzutage viele hundert Bewerbungen an einem Stück. Für die einzelne bleibt da nicht viel Zeit. Nur diejenigen, die das Anschreiben überstanden haben, besitzen die Chance, dass auch ihr Lebenslauf gelesen wird. Zeugnisse werden erst im zweiten Durchgang beachtet, also nur bei den zur weiteren Prüfung selektierten. Eine noch unerfahrene Assistentin war überrascht, dass ich in einer Stunde knapp zweihundert Bewerbungen geprüft habe. Danach befanden sich nur noch wenige Bewerbungen auf dem Tisch, die ich dann sorgfältiger prüfte. Bewerbungen, die aussortiert werden, haben so gut wie keine Chance nochmals aufgegriffen zu werden.

Bei 200 Bewerbungen in einer Stunde sind das ja nur 15 bis 20 Sekunden pro Stück.

Ja, der erste Schritt ist eine reine Sichtkontrolle. Das ist Vergleichbar mit der „gespeicherten“ Erwartungshaltung im Vergleich zu dem, was Sie konkret für Bewerbungsunterlagen vor Augen halten. Ist die Bewerbung eines Vertriebsleiters verraucht? Weg damit! Unordentliche Unterlagen bei einem Marketingmann? Weg damit! Auf den ersten Blick Rechtschreibfehler bei einer Sekretärin? Weg damit! Es ist im Prinzip vergleichbar mit der Partnerwahl. Männer erkennen mit einem Blick, ob sie eine junge Dame näher interessiert. Umgekehrt natürlich genauso. Erfahrene Personalmanager haben diesen Sekundenblick auf Bewerbungen tausendfach geübt. Fehlentscheidungen unterlaufen ihnen hierbei höchst selten.

Welches sind die häufigsten Fehler, die Bewerbern bei der Erstellung ihrer Unterlagen unterlaufen?

Der häufigste Fehler ist, dass die optische Prüfung der Bewerbungsunterlage bereits zum Ausschluss führt. Personalmanager haben je nach Karrierelevel und anvisierter Branche eine bestimmte Vorstellung, wie die Bewerbung auszusehen hat. Eine Sekretärin beispielsweise glänzt durch die Perfektion der Aufbereitung. Ein Vertriebsmann muss verkaufen können, das muss sofort erkennbar sein, wenn er sich selbst über seine Bewerbungsunterlage anpreist. Die Bewerbung eines Absolventen sollte sauber und klar strukturiert sein. Der zweithäufigste Fehler findet sich sicherlich in der Erstellung des Anschreibens. Viele Bewerber glauben, wie „toll“ sie und ihre Bewerbung sind. Der Personaler kann es aber gar nicht erkennen, wenn das „Tolle“ da nicht so steht, dass er es auch versteht.

Was heißt das konkret für die Erstellung des Anschreibens?

In das Anschreiben gehören möglichst aussagefähige Aussagen zu dem, was der Bewerber bezogen auf das Anforderungsprofil kann und ebenso zu dem, was er mit seiner Bewerbung anstrebt. Im Wortgeschwafel geht Wesentliches unter.

Wie lautet Ihre Empfehlung für den Lebenslauf?

Im Lebenslauf muss in Sekundenschnelle das Eignungsprofil des Bewerbers erkennbar sein. Personalmanager interessiert ja vorrangig, ob das Eignungsprofil dem Anforderungsprofil entspricht. Die meisten Bewerbungsratgeber trimmen unerfahrene Bewerber auf möglichst komplizierte Darstellungen, damit sie sich hierdurch von anderen abheben. Jede ungewohnte Darstellung bedeutet aber für den Personalmanager einen hohen Aufwand, um sich darin zurechtzufinden. Interessant sind ja nicht nur die Wechselzeiten, sondern vor allem: Wie groß war ein Unternehmen, in welcher Branche ist es tätig und was ganz konkret hat der Bewerber geleistet? Anzahl Mitarbeiter, Erfolge etc. und das alles möglichst belegt mit Zahlen.

Was raten Sie Absolventen, die einen gängigen Studiengang mit einer mittelmäßigen Note abgeschlossen haben und auch nicht mit Praktika bei renommierten Unternehmen aufwarten können? Sollten diese sich bei ihren Bewerbungen von vorne herein eher auf den Mittelstand konzentrieren?

Nein. Auch die Personalmanager wissen heute sehr wohl, dass die besten Noten nicht unbedingt diejenigen auszeichnen, die nachher die beste Leistung erbringen. Theoretiker haben oft sehr gute Noten, sind im „praktischen Leben“ aber häufig gar nicht so überragend. Personalmanager machen keine Auswahl nach Noten - jedenfalls diejenigen nicht, die ihren Job beherrschen. Benötigt ein Unternehmen zum Beispiel einen Vertriebsmann, kommt es auf ganz andere Qualifikationen an als beispielsweise bei einem Mitarbeiter, der in der Forschung, Konzernstrategie, Mathematik etc. tätig sein wird.

Der Absolvent mit schlechteren Noten sollte überlegen, für welche Aufgabe er am besten geeignet ist. Auf diese sollte er sich dann zielgerichtet bewerben, gleichgültig ob in Großunternehmen oder im Mittelstand. Umso besser, wenn man seine spezielle Eignung belegen kann. Zum Beispiel die bewiesene Kontaktfähigkeit für eine Aufgabe im Vertrieb.

Wie kann es einem Bewerber gelingen, mit den Unterlagen schon auf den ersten Blick positiv aus der Masse der Kandidaten herauszustechen?

Meine Ratschlag lautet: nichts „Aufgemotztes“, nichts Teures. Die Bewerbung sollte passend zur angestrebten Funktion sein, zudem geradlinig in der Bewerbungsunterlage und in der Darstellung. Eine Bewerbung darf keine Mühe machen, dann fällt sie positiv auf. Das ist wie bei einem Anzug, stilvoll gekleidet ist der, dessen Outfit wir gar nicht bewusst registrieren, da es zur Person gehört. Nichts stört, nichts springt unangenehm ins Auge. Bewerber müssen das Interesse des Personalers wecken. Das löst beim ihm den Wunsch aus, den Bewerber kennenzlernen, und es erfolgt eine Einladung zum Vorstellungsgespräch.

Was ist, wenn ich schon über etwas Berufserfahrung verfüge. Gehören jobrelevante Praktika oder Praktika bei renommierten Unternehmen dann noch in den Lebenslauf?

Im Prinzip ist jede Art von Praktika überflüssig, wenn die Leistungen, die im Job erbracht wurden, diese überstrahlt. An sich ist ab der zweiten Position eine Angabe nur dann sinnvoll, wenn ein Praktikum herausragend jobrelevant ist. Beispielsweise ein Praktikum im Ausland, wenn man dadurch geforderte Sprachkenntnisse nachweist. Es gibt aber auch Ausnahmen. Man kann zum Beispiel auch als Geschäftsführer noch ein Praktikum anführen, wenn es für die Stelle nützlich ist. Das ist der Fall, wenn Sie es in einer Branche absolviert haben, für die Sie sich jetzt bewerben und zu der Sie ansonsten noch keine Berührungspunkte hatten.

Welche Zeugnisse und Dokumente sind ein Muss, welche kann man der Bewerbung beifügen und welche sollte man besser weglassen?

Bewerber lassen gerne das weg, wo die erzielten Ergebnisse nicht so gut waren. Gute Zeugnisse legen wir meistens bei, schlechtere lassen wir lieber weg. Das wissen natürlich auch die Personalmanager. Ein Muss ist das Anschreiben, der Lebenslauf und das letzte Abschlusszeugnis der höchsten Schulstufe. Also Abitur, Abschlusszeugnis der Uni mit Diplomurkunde. Alle Arbeitszeugnisse, und sonst nur bedeutende sonstige Bescheinigungen. Alles, was für die Aufgabe nicht nützlich ist, kann weggelassen werden, es sei denn, hieraus ist ein besonderes Engagement erkennbar. Unternehmen suchen ja bekanntlich „Leistungsträger“, und was Leistung nachweist, überzeugt auch.

Welchen Ratschlag geben Sie Bewerbern, wie sie ihre Bewerbungsunterlagen selbst überprüfen können?

Bewerber sollten Ihre fertigen Bewerbungsunterlagen immer aus der Sicht eines Personalentscheiders prüfen. Diese Prüfung kann man auch einem Vertrauten überlassen, der nicht unbedingt ein Personalmanager sein muss, der aber kritisch hinterfragen kann. Absolventen könnten auch in kleinen Gruppen Bewerbungsanalyse üben: Die Gruppe gleicht ein Anforderungsprofil schriftlich zu einer erstellten Bewerbungsunterlage ab. Welche Qualifikation ist aus der Unterlage tatsächlich mit einem Blick erkennbar? So können sie sich gegenseitig in ihrer Bewerbung perfektionieren.

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