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Experten-Interview

Der alltägliche „Bewerbungswahnsinn“: Françoise Hauser im Interview

Der alltägliche „Bewerbungswahnsinn“: Françoise Hauser im Interview

Mit ihrem Buch „Würden Sie für mich aus dem Fenster springen?“ gibt Francoise Hauser auf humorvolle Art praktische Tipps und tiefe Einblicke in den „Bewerbungswahnsinn“ hierzulande. Im Interview mit der Jobbörse ABSOLVENTA spricht sie über die typische Bewerbungssprache, die Unterschiede zwischen dem Bewerbungsprozess in Deutschland und in China sowie über Personaler, vor denen man sich in Acht nehmen sollte.

Frau Hauser, Sie haben zahlreiche Artikel und Bücher zu interkulturellen Fragestellungen geschrieben. Ihr aktuelles Buch handelt nun von Bewerbungsprozessen. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Nach dem Studium der Sinologie war es nicht gerade einfach einen Start ins Berufsleben zu finden. „Sinologe“ in dem Sinn ist ja kein Beruf. Man muss sich als „Exot“ selbst Gedanken machen, wo man vielleicht sinnvoll tätig sein könnte. Und dann muss man noch andere davon überzeugen. Kurzum, ich habe damals eine Menge Bewerbungen geschrieben, bis ich schließlich im Journalismus gelandet bin. Da entsteht ein gewisser Frust. Immer dieselben dämlichen Floskeln und hohlen Phrasen!

Mit der Frage „Würden Sie für mich aus dem Fenster springen?“ haben Sie einen recht provokativen Titel gewählt. Was steckt dahinter?

Dahinter steckt ein echtes Bewerbungsgespräch, in dem mir genau diese Frage allen Ernstes gestellt wurde. Meine Antwort „Ist die Stelle deswegen frei?“ kam allerdings nicht so gut an. Ich habe die Stelle nicht bekommen.

In Ihrem Buch sprechen Sie von „Bewerbungswahnsinn“. Was ist an dem Thema denn eigentlich so wahnsinnig?

Die Sprache, das ganze Gehabe. Da hat sich ein Prozess verselbstständigt. Und der hat mittlerweile gar nicht mehr so viel Bezug zur Realität. Schon die Tatsache, dass man niemals schlecht über den letzten Arbeitgeber reden darf. Man muss immer so tun, als sei man vom Glück am aktuellen Arbeitsplatz getrieben, sich noch was besseres zu suchen.

Wie sähe für Sie ein „normales“ Bewerbungsverfahren aus?

Es beginnt mit ehrlicheren Stellenausschreibungen, in denen die wahren Eckdaten zu finden sind - inklusive Gehalt. Oft bewirbt man sich mühevoll und stellt später fest, dass die Stelle für einen gar nicht in Frage kommt. Außerdem sollte es eine Rückkehr zum normalen Deutsch geben. Dazu gehört weniger Superlativ, weniger PR-Sprache.

Als Grundlage der Kommunikation zwischen Bewerber und Personaler nennen Sie die Sprache „Bewerbisch“ und übersetzen diese in Ihrem Buch. Geben Sie uns doch bitte ein paar Beispiele.

Auf Bewerberseite denke ich da an Sätze wie „bin es gewohnt selbständig in Teams zu arbeiten“, was ich mit „egal was die anderen sagen, ich mache, was ich will“ übersetze. Oder in Stellenanzeigen findet man immer wieder so famose Ausdrücke wie „angemessenes Gehalt“. Was ist das? Wahrscheinlich „so wenig wie möglich“. Oder das vielgefragte „Organisationstalent“, das sich wahrscheinlich später mit zehn Aufgaben gleichzeitig herumschlagen darf.

In Ihrem Buch stellen Sie eine „Personaler-Typologie“ auf. Vor welchem Typ muss man sich als Bewerber besonders in Acht nehmen?

Am schlimmsten finde ich Personaler und Chefs, die aufgrund genereller Überforderung qualifizierte Mitarbeiter brauchen. Aber eigentlich können sie niemanden leiden, der mehr kann als sie.

In Ihrem Buch beziehen Sie sich vor allem auf schriftliche Bewerbungsverfahren. Welche Regeln sollte man Ihrer Meinung nach bei Online-Bewerbungen beachten?

Mein Tipp: Immer schön die richtigen Schlüsselwörter verwenden! Meistens landen die Daten in einer Access-Datenbank, wo nach Schlüsselwörtern aussortiert wird. Interessanterweise kenne ich niemanden, der aufgrund einer Online-Bewerbung via Unternehmenswebseite und Bewerbungsformular eingeladen wurde.

Welche Mutmacher können Sie Bewerbern mitgeben, die bislang nur Absagen erhalten haben?

Es reicht eine positive Antwort - EINE! Statistisch steigt die Chance mit jeder neuen Bewerbung. Wer auf Dauer immer nur Absagen bekommt, sollte allerdings seine Strategie oder die Gestaltung der Unterlagen überprüfen. Stimmt die Ausrichtung? Wer sich beispielsweise ständig für Stellen bewirbt, die er unterbewusst gar nicht wirklich haben will, hat immer schlechte Karten. Dann fehlt die Überzeugung, sowohl innerlich als auch in den Bewerbungsunterlagen.

Sie sind als freie Journalistin auf Themen rund um Asien spezialisiert. Wie bewerben sich die Menschen denn für einen Job in China?

In China spielen persönliche Beziehungen, also „Guanxi“, eine sehr große Rolle. Wer dort lediglich Bewerbungsmappen verschickt oder auf schriftliche Kommunikation hofft, hat kaum eine Chance auf eine attraktive Stelle.

Sehen Sie im Reich der Mitte ähnliche Probleme in der Kommunikation zwischen Bewerber und Personaler wie hierzulade?

Nein. Weil eben sehr viel über Beziehungen und persönliche Gespräche läuft. Natürlich schafft dies wieder andere Probleme.

Worauf sollte man achten, wenn man sich als Deutscher bei einem chinesischen Unternehmen bewirbt?

Auf gute „Guanxi“. Und darauf, möglichst persönlichen Kontakt herzustellen, zum Beispiel auf Messen. Oder man lässt sich von einem Bekannten des potentiellen Chefs empfehlen. Das ist natürlich nicht immer einfach. In China selbst dürfte die Chance, einen Job außerhalb von Lehrinstituten zu finden, sowieso eher gering sein. Es sei denn, man spricht ganz ordentlich Chinesisch.

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