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Experten-Interview

„Für Wirtschaftswissenschaftler wird ein Bachelor-Abschluss völlig reichen“

„Für Wirtschaftswissenschaftler wird ein Bachelor-Abschluss völlig reichen“

Im Experteninterview mit ABSOLVENTA spricht Kolja Briedis vom Hochschul-Informations-System (HIS) über die Umsetzung des Bologna-Prozesses, die Unflexibilität vieler Universitäten, die Akzeptanz der neuen Bachelor- und Master-Abschlüsse und die Auswirkungen der neuen Abschlüsse auf das Gehalt der Absolventen.

Was ist mit dem im Bologna-Prozess geforderten stärkeren Praxisbezug gemeint, und inwieweit wurde das bisher in den Studienfächern umgesetzt?

Bei dem stärkeren Praxisbezug geht es zum einen darum, dass die Studenten im Studium Praxiserfahrungen sammeln und zum anderen auch darum, diese Erfahrungen im Anschluss noch theoretisch zu reflektieren. Inwieweit die Umsetzung stattgefunden hat, lässt sich nicht pauschal beantworten, denn die Umsetzung hängt jeweils stark von den Bundesländern, den jeweiligen Studiengängen und von den einzelnen Hochschulen ab. Positiv hervorheben muss man jedoch die Fachhochschulen. Die haben ihre Bachelor-Studiengänge meistens auf sieben statt auf sechs Semester ausgelegt, um ein Praxissemester beizubehalten, auch aus einer gewissen Tradition heraus.

Und die Universitäten?

Viele Universitäten tun sich teilweise deutlich schwerer, diesen Praxisbezug mit in die Studiengänge aufzunehmen. Es gibt natürlich auch löbliche Ausnahmen (z. B. Maschinenbau an der TU Darmstadt), in denen sich die Studierenden mit praktischen Erfahrungen und auch möglichen konkreten Berufsbildern auseinander setzen müssen. Es ist immerhin eine Entwicklung festzustellen, dass die Universitäten versuchen, dies nun stärker in die Studiengangkonzepte einzubringen. Sie legen nun mehr Wert darauf, dass sich die Studierenden damit auseinandersetzen, was denn die beruflichen Optionen mit dem jeweiligen Studiengang wirklich sind. Gerade für Studiengänge, bei denen das spätere Berufsbild nicht so eindeutig ist, ist das wichtig. Insgesamt haben die Universitäten dabei noch einen deutlich weiteren Weg zu gehen als die Fachhochschulen. Die Anfänge sind gemacht. Es müssen aber noch viele weitere Schritte folgen.

Ein anderes Ziel des Bologna-Prozesses ist es, die Mobilität von Studierenden zu verbessern, indem über das Kreditpunktesystem eine bessere Vergleichbarkeit stattfindet, und die Anrechnung der Studienleistungen einfacher ist. Machen nun mehr Studenten ein Auslandssemester?

Es wird vielfach behauptet, dass in den Bachelor-Studiengängen weniger Studenten ein Auslandsemester absolvieren. Das muss man aber differenzierter betrachten. Bei Bachelor-Studiengängen beträgt die Regelstudienzeit 6-8 Semester, bei den klassischen Studiengängen hingegen waren es acht bis neun. Es liegt also in erster Linie an der kürzeren Studiendauer der Bachelorstudiengänge. Wenn der Zeitraum länger ist, sind natürlich auch die absoluten Zahlen der Studierenden mit Auslandssemester größer.

In einem Fußballspiel über 120 Minuten fallen im Schnitt auch mehr Tore als in einem Spiel über 90 Minuten. Häufig liegt dabei also eine Fehlinterpretation der Zahlen vor. Viele Studierende der Diplomstudiengänge haben ihr Auslandssemester eher zum Ende ihres Studiums gemacht. Man müsste also eher vergleichen, wie viele beispielsweise in den ersten 6 Semestern ein Auslandsemester gemacht haben, um eine vergleichbare Messgruppe zu haben. Statistisch bereinigt, ist das Niveau an Studierenden, die ein Auslandssemester machen, in etwa vergleichbar.

Dennoch klagen vielen Studenten darüber, dass sie kein Auslandsemester machen können, weil zum Beispiel bestimmte Kurse nicht regelmäßig angeboten werden.

Es ist richtig, dass viele Hochschulen nicht flexibel genug sind, einem Studenten, der ein halbes Jahr ins Ausland geht, anschließend den Wiedereinstieg problemlos zu ermöglichen, zum Beispiel weil ein Teil der Kurse nur alle zwei Semester angeboten wird. Doch das war in der Vergangenheit auch schon so. Durch die Umstellung fällt es aber nun stärker auf. Man darf nicht so tun, als ob die Bedingungen zu Diplom- und Magisterzeiten alle hervorragend gewesen wären. Das war mitnichten so. Es wäre eigentlich schon eine Aufgabe der Vergangenheit gewesen, diese zu lösen. Nun hat man den Kummer, und die Bachelor- und Master-Studiengänge legen den Finger quasi in die alte Wunde.

Die Probleme liegen also tiefer.

Ja, teilweise werden Probleme von Bachelor und Master diskutiert, die ihre Ursache ganz woanders haben. Es handelt sich um historische Probleme im System, die nicht oder nicht rechtzeitig angegangen wurden, und Bereiche, in denen die Hochschulen einen großen Nachholbedarf haben.

Wie nehmen die Unternehmen die neuen Bachelor- und Master-Abschlüsse an?

Das ist eine spannende Frage, auf die eine klare Antwort erst noch aussteht. In den vergangen Jahren gab es noch eine relativ geringe Zahl an Bachelor-Absolventen, von denen ein hoher Anteil im Anschluss noch einen Master gemacht hat. Bisher gibt es also nur eine geringe Anzahl von Bachelor-Absolventen, die erwerbstätig werden. Die Nagelprobe steht somit noch aus. Doch grundsätzlich vernimmt man von Arbeitgeberseite und Wirtschaftverbänden eine Offenheit in Hinblick auf die Bachelor- und Master-Abschlüsse.

Wie sind ihre Ergebnisse konkret auf die Bachelor-Abschlüsse bezogen?

Unseren ersten Ergebnissen zufolge gelingt den Bachelor-Absolventen der Berufseinstieg in akademischen Positionen durchaus. Dabei ist aber auffällig, dass es bisher bei FH-Absolventen besser geklappt hat als bei Uni-Absolventen. Zum einen liegt das an dem stärken Praxisbezug, und zum anderen sind die Studiengänge an den Fachhochschulen ohnehin traditionell kürzer. Die Wirtschaft traut es diesen scheinbar eher zu, die Verkürzung des Studienganges vorzunehmen, die Ausbildung aber gleichzeitig auf einem hohen Niveau zu halten. Eine Umstellung von acht auf sieben Semestern fällt den Fachhochschulen allerdings auch leichter als den Universitäten, die eine Umstellung von neun oder zehn auf sechs, sieben oder acht Semester vornehmen müssen.

Wie lautet ihre generelle Prognose für die Auswirkungen der neuen Abschlüsse auf den Arbeitsmarkt?

Man muss abwarten, was passiert, wenn die Mengenverhältnisse kippen, also mehr Absolventen einen Bachelor- und Masterabschluss machen als traditionelle Diplom- und Magisterabschlüsse. Ich erwarte aber, dass in Zukunft durch steigende Bachelor-Absolventenzahlen neue Jobs und Positionen speziell für Bachelor-Absolventen entstehen und sich diese etablieren werden, z. T. werden die Bachelorabsolventen aber auch dort einsteigen, wo die bisherigen Absolventen dies taten.

Wie steht es um das Einstiegsgehalt von Bachelor-Absolventen?

Auch hier ist nur eine vorsichtige Antwort möglich, die wir aus ersten Analysen ableiten können. Die Einstiegsgehälter sind für den Bachelor und Master-Abschluss, gegenüber traditionellen Abschlüssen zwar etwas geringer, aber das ist auch nicht weiter verwunderlich, da diese schließlich ein bis zwei Jahre weniger studiert haben.

Entsprechend früher verdienen diese auch ihr erstes Geld.

Genau. Die spannende Frage ist somit, wie sich das Gehalt in den ersten ein bis zwei Jahren entwickelt, also bis zu dem Zeitpunkt, wo die Absolventen der traditionellen Abschlüsse ins Erwerbsleben einsteigen. In der Zwischenzeit können die Absolventen der neuen Abschlüsse schon Gehaltsteigerungen erhalten haben. Man muss also die Lebenszeiteinkommen betrachten. Die Frage ist noch offen, aber ich denke es wird eine Angleichung stattfinden, zumal grade Berufseinsteiger in den ersten Jahren noch einmal deutlich im Gehalt zulegen können. Das heißt, beim Berufseinstieg ist das Gehalt von Bachelor-Absolventen tendenziell etwas geringer, aufs Lebenszeiteinkommen bezogen, muss es aber nicht weniger sein.

Bachelor-Absolventen müssen also nicht zwingend ihren Master machen, um am Arbeitsmarkt Chancen zu haben und angemessen entlohnt zu werden.

Nein. Im Prinzip muss das ohnehin jeder für sich selbst entscheiden. In erster Linie hängt die Entscheidung davon ab, was man später beruflich machen will. Es gibt bestimmte berufliche Felder, in die kommt man nur hinein, wenn man den Master gemacht hat. Das betrifft zum Beispiel Ingenieure im Bereich Forschung und Entwicklung oder auch Sozialwissenschaftler, die in der Forschung arbeiten wollen. Mit einem Bachelor-Abschluss hat man da kaum Aussichten. Es wird auch Bereiche geben, in denen mindestens der Master der Standardabschluss werden wird. Das gilt insbesondere für die Naturwissenschaftler. Im Bereich Chemie liegt die Promotionsquote bei etwa 90 Prozent. Es wäre daher sehr verwunderlich, wenn ein Großteil der Chemie-Studenten nach dem Bachelor mit dem Studium aufhören würde, schließlich ist dort die Promotion der Standard-Abschluss. Das wird sich nicht verändern. Man muss also die einzelne Fächer betrachten und die beruflichen Ambition der Studierenden.

Wie schätzen Sie die Situation für Wirtschaftswissenschaftler ein?

Für einen Betriebswirt, der später im Controlling, Rechnungs- oder Personalwesen arbeiten möchte, wird ein Bachelorabschluss für den Berufseinstieg vermutlich völlig ausreichen.

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