Experteninterview: Wie Praktika zum erfolgreichen Berufseinstieg verhelfen
Geschrieben am 05.10.2010 von Lukas große KlönneDie Praxiserfahrungen der Bewerber sind für Unternehmen bei der Einstellung von Hochschulabsolventen ein entscheidendes Kriterium. Aber Praktikum ist nicht gleich Praktikum. Dr. Christian Scheld, Leiter des Personalmarketings der Bilfinger Berger Ingenieurbau GmbH, erklärt, worauf Studenten vor dem Antritt eines Praktikums achten sollten, damit es einen Grundstein für einen raschen Berufseinstieg und eine erfolgreiche Karriere wird.

Welche Funktion haben Praktika über das Sammeln von Praxiserfahrungen hinaus?
Unter Praxiserfahrungen wird bei Praktika allzu häufig rein das Sammeln von fachlichen Kompetenzen verstanden. Praktikantenordnungen sind in vielen Fällen auch in diese Richtung ausgelegt. Das Erlernen und Anwenden von methodischen sowie von sozialen Kompetenzen ist jedoch mindestens gleichrangig. Praktika sind zudem ein wichtiges Element der Karriereplanung. Sie unterstützen Entscheidungen und erweitern den Blick auf unterschiedliche Karrieremöglichkeiten.
Kann man auch „falsche Praktika“ absolvieren?
Erfahrungen durch Praktika zu sammeln und dabei Praxisluft zu schnuppern ist grundsätzlich erst einmal etwas Positives. Die Bewertung dessen, ob diese Erfahrungen als „richtig“ oder „falsch“ einzustufen sind, obliegt der subjektiven Sichtweise des jeweiligen Studenten. Es ist verständlich, ein Praktikum absolvieren zu wollen, dass einen bestärkt und motiviert, auf dem „richtigen Weg“ zu sein. Nur kann sich manchmal die Erkenntnis, in einer Sackgasse gelandet zu sein oder an einer Weggabelung doch einen anderen Weg einschlagen zu wollen, als viel wegweisender für die eigene Karriereplanung herausstellen. In diesem Sinne kann ich Studenten nur ermuntern, den Mut für das Neue aufzubringen und auch einmal etwas ergebnisoffen ausprobieren zu wollen. Personalverantwortliche sehen zwar gerne den roten Faden bei der Wahl der Praktika, sind jedoch auch für gute Argumente offen.
Was sollte man vor Antritt eines Praktikums unbedingt klären?
Es zählt zu den Grundzügen geschäftlichen Handelns, vor der Unterzeichnung eines jeden Vertrages die Rahmenbedingungen zu klären und wenn notwendig, inhaltlich schriftlich zu fixieren. Das gilt also auch für einen Praktikantenvertrag. Handelt es sich um ein Pflichtpraktikum, ist in jedem Fall abzuklären, ob der potentielle Arbeitgeber der Praktikantenordnung mit den darin beschriebenen Vorgaben nachkommen kann. Wichtig ist auch, vorab den Versicherungsschutz zu klären.
Auf was sollte man bei einem Praktikum im Ausland zusätzlich achten?
Im Vorfeld eines Auslandspraktikums sollte man darauf achten, dass Arbeitszeiten im Ausland durchaus von den tariflichen Regelungen in Deutschland abweichen können, so z.B. im arabischen Wirtschaftsraum. Vertrauensvolle Arbeitgeber legen genau fest, wie neben der monatlichen Vergütung Kosten durch An- und Abreise sowie Unterbringung zu handhaben sind. Vergessen Sie auch hier nicht den Versicherungsschutz. In der Regel stehen die Ansprechpartner in den jeweiligen Personalabteilungen für Auskünfte und Tipps gerne zur Verfügung.
Schlägt man mit einem Auslandspraktikum zwei Fliegen mit einer Klappe?
Ja, grundsätzlich stimme ich Ihrer These zu. Ich empfehle Auslandspraktika vor allem all denen Studenten, für die ganz klar zu sein scheint, später einmal in einem internationalen Umfeld tätig sein zu wollen und all denen, die einmal ausprobieren wollen, ob später einmal eine Tätigkeit in einem internationalen Umfeld für sie interessant sein kann. Neugierde gepaart mit Abenteuerlust sind unterstützende Faktoren für den Erfolg eines Auslandspraktikums. Wer sich allerdings nur deshalb für ein Auslandspraktikum entscheidet, weil man es laut Aussagen von verschiedenen Professoren oder der Eltern heute einfach „muss“, der läuft Gefahr, in Frust und Heimweh zu versinken.
Wie und wo kann man sich darüber informieren, wie die Arbeitsbedingungen, das Arbeitsklima etc. in dem jeweiligen Unternehmen ist?
Der Web2.0-Generation bieten sich heutzutage eine ganze Reihe von Informationsquellen an. Das können Bewertungsplattformen wie Kununu aber auch soziale Netzwerke wie z.B. Xing im Internet sein, auf denen sich Praktikanten zusammenfinden, die über ihre Erfahrungen berichten. Eine weiterhin nicht zu unterschätzende Informationsquelle ist das persönliche Umfeld, seien es Freunde, Familie, Professoren oder die Kommilitonen. Studenten sollten sich auch nicht scheuen, Mitarbeiter zu befragen. Manchmal lässt sich auch zwischen den Zeilen lesen, und das „Bauchgefühl“ kann ein guter Ratgeber sein.
Machen Praktika in einem bekannten Unternehmen im Lebenslauf automatisch einen besseren Eindruck?
Sicherlich tun sich auch Personalverantwortliche mit dem Namen eines Großunternehmens vermeintlich leichter, weil sich damit bestimmte Assoziationen verbinden lassen. Nur sind wir in Deutschland doch mindestens genauso stolz auf die vielen „Hidden Champions“, die unser Mittelstand zu bieten hat. Ob man lieber in einem bekannten oder eher unbekannten Unternehmen ein Praktikum absolvieren möchte, sollte weniger von der Größe als vielmehr vom Renommee des Unternehmens abhängen und ist immer auch eine Typusfrage bzw. die der eigenen Karriereplanung.
Praktika dienen auch dazu, Kontakte zu knüpfen. Welche Ratschläge haben Sie für den Netzwerkaufbau?
Mit Netzwerken verhält es sich so wie mit Beziehungen: Sie wollen gepflegt werden. Ein prall gefülltes Adressbuch ist eine schöne Sache. Eine Aussage über die Qualität der Kontakte ist dieses jedoch noch nicht. Als Student sollte man sich nicht nur fragen, was der Gegenüber einem bieten kann, sondern auch, was man selbst anzubieten hat. Manchmal können auch die Kontakte der Kontakte einen deutlichen Mehrwert darstellen. Bei der Kontaktpflege bedarf es hinsichtlich der Häufigkeit auch der geeigneten Balance.
Sind ein Praktikum und ein Werkstudentenjob vergleichbar?
Man darf hierbei nicht den Fehler machen, Zeiten einfach gegeneinander aufzurechnen. Auch hier kommt es sehr auf die Inhalte an. Ein Praktikum erlaubt sicherlich eine größere Detailtiefe der Aufgaben und Übertragung von Verantwortung. Eine langfristige Werkstudententätigkeit bietet mitunter die Möglichkeit, Erfahrungen bei Themen zu sammeln, die die Entwicklung eines Unternehmens betreffen. Das können z.B. strategische oder organisatorische Themen sein, die auf einen größeren Zeithorizont ausgelegt sind.
Nicht nur Studierende absolvieren Praktika, auch viele Absolventen nach ihrem Studiumsende. Das Hochschulinformationssystem (HIS) rät davon ab. Wie denken Sie darüber?
Ich kann es durchaus nachvollziehen, wenn sich bei Absolventen nach mehreren erfolglosen Versuchen, den Berufseinstieg zu realisieren, immer mehr Leidensdruck aufbaut, der ein Praktikum eine Option erscheinen lässt. Doch einmal unter uns im Vertrauen gesprochen: würden Sie einem Unternehmen Ihre berufliche Weiterentwicklung anvertrauen wollen, das Kapital aus dieser misslichen Situation schlägt?
Unabhängig davon erschließt sich mir der Sinn von Praktika nach dem Ende des Studiums nicht. Praktika dienen, wie bereits eingangs beschrieben, der fachlichen Ausbildung und beruflichen Orientierung und sollen daher klarer Bestandteil des Studiums sein. Durch die Umstellung der Studienabschlüsse auf Bachelor und Master beobachte ich seit einiger Zeit jedoch den Trend, dass Studenten die Zeit zwischen Abschluss des Bachelor-Studiums und Aufnahme des Master-Studiums gezielt mit einem Praktikum überbrücken wollen.
Was können Studenten als Praktikanten-Lohn fordern bzw. woran kann man sich orientieren?
Studenten sollten sich vor Abschluss eines Praktikantenvertrages darüber Gedanken machen, wie hoch ihre laufenden monatlichen Kosten sind und welche Extrakosten durch das Praktikum entstehen können. Auch wenn ein Praktikum ein Investment in die eigene Zukunft ist, so sollte die Zielsetzung sein, nicht finanziell draufzahlen zu müssen.
Wie sollten Bewerber ihre Praktika und sonstigen Praxiserfahrungen im Lebenslauf darstellen?
Auch wenn es wie eine Plattitüde klingen mag: Die Bewerbungsunterlagen sind ein Verkaufsprospekt! Ein Bewerber sollte sich darüber Gedanken machen, wie das Interesse des Adressaten besonders geweckt werden kann, das beiliegende Praktikantenzeugnis „unbedingt“ lesen zu wollen. Ich erfahre es in meiner Berufspraxis immer mal wieder, dass ich Bewerbungen erhalte, in denen ich zwar nachlesen kann, in welchem Zeitraum und bei welchem Arbeitgeber ein Praktikum absolviert wurde aber keine Information über den Unternehmens-/ Funktionsbereich gegeben wird. Doch das sind die eigentlich aussagekräftigen Angaben. Aber: In der Kürze liegt bekanntlich die Würze!
Geschrieben in: Experten-Interviews
















