Experteninterview über Mobbing (2): Psychische, physische und finanzielle Folgen
Geschrieben am 13.04.2010 von Michael KerzelIm zweiten Teil des Experten-Interviews zum Thema Mobbing erläutert Monika Hirsch-Sprätz von der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg, welche Folgen Mobbing für die Betroffenen hat, wie man sich am besten verhält, wenn man selber oder ein Kollege Ziel einer Mobbing-Attacke wird und worauf ein Berufseinsteiger achten sollte, wenn er einen Job antritt, um nicht Gefahr zu laufen, Mobbing-Opfer zu werden.

Welche Folgen hat Mobbing für Betroffene?
Die Mobbing-Folgen können in psychische, physische, finanzielle, arbeitstechnische und gesellschaftliche unterteilt werden. Zu den psychischen Schäden zählen:
- Nervosität und Weinkrämpfe
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Schlafstörungen und Alpträume
- Angststörungen, Panikattacken und Atemnot
- Erschöpfungszustände und Burnout
- Posttraumatisches Belastungssyndrom (PTSD)
- Depressionen, Persönlichkeitsveränderungen und Apathie sowie
- Suizidversuche und Suizidausführung
Welche physischen Folgen hat Mobbing?
Es können verschiedene physische Schmerzen und Problem entstehen:
- Kopfschmerzen und Migräne
- Essstörungen und Verdauungsprobleme
- Magenschleimhautentzündungen und Magengeschwüre
- Herz-Kreislaufprobleme und Bluthochdruck
- Undefinierbare Symptomschmerzen
- Suchtverhalten (Medikamente und Alkohol)
Weitere Resultate von Mobbing sind…
…zum Beispiel finanzieller Natur, denn Betroffene müssen Beratungen, Juristen, Krankengeldkosten, Arbeitslosigkeit oder Frühberentung noch immer selbst tragen. Auf der Arbeitsebene ergeben sich häufig lange krankheitsbedingte Fehlzeiten, Stigmatisierungen, Diskriminierungen, Versetzungen und Umsetzungen, Arbeitslosigkeit oder eine Berufsunfähigkeit. Daraus kann eine gesellschaftliche Ausgrenzung durch den Verlust des Arbeitsplatzes, der gesellschaftlichen Anerkennung oder den sozialen Kontakten entstehen.
Wie sollte man sich verhalten, wenn ein Kollege das Ziel einer Mobbing-Attacke wird?
Zuerst sollte man Hinsehen und nicht Weggehen und sich neben die angegriffene Person stellen und immer erst fragen, ob man unterstützen und vermitteln kann, auch wenn unterschiedliche Hierarchieebenen betroffen sind. Des Weiteren kann man mit dafür sorgen, dass Konfliktparteien miteinander im Gespräch bleiben oder je nach Situation überlegen, wie sachlich verbal diskutiert werden kann. Es kann auch helfen, wenn man andere Personen anspricht und in die Konfliktsituation mit einbezieht, um den Konflikt auf eine breitere Ebene zu stellen und vorsichtig Öffentlichkeit für den Angegriffenen schafft. Es ist eine gute Idee, die betroffene Person zu fragen, was ihr helfen könnte und ihr bei der Suche nach internen oder externen Ansprechpartnern Hilfe anzubieten.
Und was kann man tun, wenn man vom Vorgesetzten gemobbt wird?
Zunächst muss man die Kontrolle über sich bewahren und nicht aus der Haut fahren. Dazu sollte man zuhören, aber nicht bis zum bitteren Ende eine diskriminierende Gesprächssituation abwarten. Besonders wichtig ist es klar, mutig und couragiert ein oder mehrere „STOPs“ zu setzen, Distanz zu halten und selbstbewusst aufzutreten. Auch das Dazuholen von Zeugen und der Gang zum Personal- oder Betriebsrat kann helfen.
Sollte man sich seinen Freunden offenbaren und andere Experten zu Rate ziehen?
Es ist sinnvoll mit Freunden, Partnern oder Kollegen zu sprechen und sich mehrere Meinungen und Informationen einzuholen. Ich rate außerdem dazu, die Vorfälle und den Verlauf in einem Mobbing-Tagebuch aufzuschreiben, sowie die psychischen und physischen Folgen von einem Arzt dokumentieren zu lassen. Mobbende Vorgesetzte können von Arbeitnehmern auch ermahnt und abgemahnt werden. Dazu ist es gut, wenn ein Betroffener zeitnah eine Mobbingberatungsstelle aufsucht.
Gibt es, ähnlich wie beim Stalking, auch gegen Mobbing ein spezielles Gesetz?
Nein. In Deutschland sind wir darauf angewiesen, mit den bestehenden Gesetzen (ArbSchG, BetrVG, PersVG, StrafG, SchwerBG, AGG, etc.) an das Mobbing- und Bossingthema heranzugehen.
Wie kann/sollte man sich als Berufseinsteiger in einer neuen Firma oder bei einem Wechsel in eine neue Abteilung verhalten, damit man nicht zu einem Mobbing-Opfer wird?
Man sollte nicht gleich mit 180 Prozent Einsatz einsteigen, sondern sich Zeit lassen und sich umschauen, was die Regeln, Arbeitsweisen und zwischenmenschlichen Gepflogenheit vor Ort sind. Dazu kann man nach der Arbeitsplatzhistorie fragen, zum Beispiel was mit dem Vorgänger war. Es ist auch grundsätzlich vorteilhaft, sich über die Anfänge von Mobbing in Büchern und im Internet zu informieren. Es ist außerdem nützlich, auf das Miteinander der Kollegen zu achten, wie auch auf die Unternehmenskultur und das Betriebsklima überhaupt, auch zwischen den Führungskräften.
Haben Sie noch einen letzten Leitsatz für Berufseinsteiger?
Am wichtigsten ist es, sich immer treu zu bleiben und sich selbst keinen Stress zu machen!
Lies hier auch den ersten Teil des Interviews über Mobbing!
Geschrieben in: Experten-Interviews, Arbeitspsychologie
















